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Unterwäsche 19. Jhd; Bild: Stadtgemeinde Salzburg

Unterwäsche 19. Jhd; Bild: Stadtgemeinde Salzburg

Die Entwicklung der Unterwäsche spiegelt anschaulich den Wandel der Einstellung zum weiblichen Körper und die gesellschaftliche Stellung der Frau im Laufe der Zeit wider. Wie die Oberbekleidung sind auch die „dessous“ (französisch: „darunter“) immer vom gerade aktuellen Schönheitsideal abhängig.

Der geschnürte Leib

War noch im Mittelalter der sehr schlanke, zierliche Frauentyp erwünscht, bevorzugt die Mode des Barock üppigere Formen.

Über dem Hemd getragene Schnürmieder mit Eisen-, Holz- oder Fischbeinstäben und verschiedenste Arten von Reifröcken bringen den Körper der Frau in die „ideale“ Form und machen sie gleichzeitig nahezu unbeweglich. Dadurch wird das um 1860 gewünschte Traummaß von 45 bis 50 cm Taillenumfang erreicht.

Die bürgerliche Frau kann sich, eingeschnürt und mit schweren Gewändern beladen, kaum fortbewegen. Sie ähnelt einer unbeweglichen Puppe und dient als Repräsentationsobjekt ihres Mannes.

 

Büstenhalter und Hüftgürtel
Von Bildungsmöglichkeiten, Berufstätigkeit und Selbstständigkeit ist die bürgerliche Frau von vorneherein ausgeschlossen. Ihr Ziel besteht in erster Linie im Finden eines Ehemannes, um die ihr zugedachte Rolle als Ehefrau, Haus­frau und Mutter erfüllen zu können. Die „Koketterie der Dessous“ kann sich hierbei als hilfreich erweisen. Unterwäsche wirkt im Verborgenen, wird ebenso wie der nackte Körper stark tabuisiert und löst somit eine noch intensivere erotische Faszination aus.

Doch trotzdem werden Reformen gefordert, damit Unterwäsche an Gewicht verliert. Eine zukunftsweisende Veränderung hierzu ist die Unterteilung des Korsetts in Büstenhalter und Hüftgürtel mit Strumpfbändern geteilt.

Die „neue“ Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts
In den ersten Nachkriegsjahren ändert sich das Frauenbild vollkommen. Die im Zuge des ersten Weltkriegs durch die äußeren Umstände erlangte Selbstständigkeit fördert in den 20er-Jahren die Berufstätigkeit und Beweglichkeit der Frau.

Dieses neue Selbstverständnis wird in der Mode durch kürzere Röcke und einfache Schnitte sichtbar. Der Stil ist knabenhaft, weibliche Formen werden kaschiert: So drückt der Büstenhalter der 20er-Jahre den Busen flach. Mieder bzw. Hüftgürtel mit Strumpfbändern (Strapsen) für mollige Frauen begradigen die Hüften und lassen die Taille verschwinden.Die Unterhose der 20er-Jahre ist gerade geschnitten, mit relativ kurzem Bein und einem weiten Bund, der auf der Hüfte aufsitzt. Dazu gehören ein passendes Hemd und meist ein Unterrock. Neu ist die so genannte Schlupfhose mit Gummizügen.Ein besonders typisches Wäschestück dieser Zeit ist die Hemdhose, eine Kombination aus Hemd und Beinkleid, bequem und weit geschnitten, aus besonders feinen, zum Teil auch neuen Materialien wie Batist, feinem Leinen, Seidenkrepp oder Kunst­seide in zarten Pastellfarben.

Zurück zur Weiblichkeit
In den 30er-Jahren werden Häuslichkeit und Mutterschaft wieder zu zentralen weiblichen Eigenschaften und Aufgaben erklärt. Das Schönheitsideal tendiert immer mehr zu weiblichen Formen, jedoch mit schmalen Hüften. Figur betonende, wadenlange Kleider erfordern Unterwäsche, die nicht aufträgt und wie eine „zweite Haut“ am Körper anliegt.

Das Korsett erlebt in Form des Mieders allerdings mit vielen elastischen Teilen ein Revival. Im Gegensatz zu den 20er-Jahren wird die Büste nun wieder stark betont.

 

Der Zweite Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkrieges muss die Unterbekleidung in erster Linie warm sein. Man stellt sie meist selbst her. Handgestrickte Leibwäsche aus Wolle und ande­ren verfügbaren Materialien sowie Ausbesserungen und Umgestaltungen gehören in dieser Zeit zum Alltag.

Nylon und Perlon – Wäsche zur Zeit des Wirtschaftswunders
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhält Weiblichkeit neuerlich einen Bedeutungsgewinn. Die Frau soll einerseits – figurbewusst – auf ihr Aussehen achten und Fröhlichkeit sowie Freundlichkeit ausstrahlen, andererseits wird sie wieder zur Hausfrau und liebenden Ehefrau und Mutter stilisiert. Verschiedene elastische Korsetts, Halb- und Vollmieder sowie Hüftgürtel bewirken nun die gewünschte Formung des Körpers. Der Büstenhalter ist spitz zulaufend. Neue pflegeleichte Kunstfasern wie Nylon und Perlon halten Einzug in die neue Mode. In den 60er-Jahren kommt die Strumpfhose auf, durch welche auch der Minirock er­möglicht wird.

Flower Power und Individualismus
Die Protestbewegungen der 68er-Generation fordert die Befreiung von jeglicher Einengung. Frauen verbrennen ihre Büstenhalter und demonstrieren ihr neues Körpergefühl und Selbstbewusstsein mit Blusen und T-Shirts auf der bloßen Haut. Figurbetont, aber auf Bequemlichkeit hin orientiert präsentiert sich die Frau der 70er-Jahre, vor dem Hintergrund des Kampfes um Gleichberechtigung und Selbstständigkeit. Twiggy macht als Paradebeispiel für die Kindfrau mit androgynen Körperformen eine Weltkarriere. Dessous werden zur Oberbekleidung, etwa Miederhosen, die nun als Hot Pants ver­wendet werden. Darunter werden enge und sehr knapp geschnittene Bikini-Slips und später auch der Tanga getragen.

Lust auf Luxus in den 80er Jahren
In den 80er-Jahren entsteht die Lust auf Luxus und damit eine neuerliche Flut von Korsagen, Miedergürteln oder halterlosen Strümpfen mit Siliconhafträndern. Die einzige wirkliche Neuheit, die sich auch durchsetzt, sind leicht formende Bodies, die als Unterwäsche, aber auch als Oberbekleidung getra­gen werden können. Der „Bodystocking“ oder „Catsuit“ hingegen hält sich nur kurz.

String Tanga ab den 90er Jahren

Der Trend der Dessous in den 90er-Jahren und am Beginn des neuen Jahrtausends verbindet die Strömungen der vorhergehenden Jahrzehnte: den bereits in den 60er-Jahren entwickelten „Wonderbra“ - jetzt „Pushup“ genannt - und den Transparentlook, die eng anliegenden Hüfthosen, nun kombiniert mit dem „Stringtanga“, die Bauchfreiheit und die schrillen Modefarben der 70er sowie die facettenreiche Vielfalt an Dessous der 80er-Jahre, getragen natürlich von möglichst schlanken und durch­trainierten Körpern.

Und heute?
Die große Dessous-Auswahl in den 90er-Jahren spiegelt eine immer größer werdende Freiheit der Frau in Bezug auf ihre Wahlmöglichkeiten vor. Durch diese wird eine scheinbare Individualität konstruiert, wobei über den immer höher werdenden Druck auf die Frau hinsichtlich ihres Körpers hinweggetäuscht wird. Das Schönheitsideal wird als für jede Frau käuflich und machbar dargestellt, mit Hilfe von Diäten, Kosmetikprodukten, Fitnessgeräten und eben auch Dessous.

 

Noch Fragen?

Stand: 24.11.2010, Alexandra Schmidt