Archiv früherer Ausstellungen

Lena Bosch und Herwig Bayerl

Malerei, Grafik und Objekte von 1998 - 2007

"Kunst- und Wunderkammer" (Lena Bosch)

Lena Bosch % Herwig Bayerl

Museumspavillon im Mirabellgarten
15. März - 6. April 2007
Montag bis Freitag 14 bis 18 Uhr
Vernissage: Mittwoch, 14. März 2007 um 19 Uhr
Finissage: Karfreitag, 6. April 2007, 16 Uhr, Katalogpräsentation und Videos

Es gibt bestimmte geistige und künstlerische Begehrlichkeiten und damit verbundene Phänomene, die im Lauf der Jahrhunderte immer wieder auftauchen. Was modern, zeitgenössisch und zeitgeistig beschwint scheint, ist in Wahrheit meist uralt. Die Lust an dieser und jener Darstellungsform, an dieser und jener Sichtweise kann über lange Zeit verblassen und anderen ideologischen und ästhetischen Zielsetzungen Platz machen. Was momentan nicht sichtbar ist, muss nicht verschwunden sein.

Kunst- und Wunderkammern sind seit mindestens fünfhundert Jahren ein fester Bestandteil des europäischen Kulturlebens. Der italienische Renaissancefüst umgibt sich in seinem intimen Studiolo mit literarischen und kunstgewerblichen Kostbarkeiten aus der Antike und aus der Ferne, das Barock liebte wie keine andere Epoche den aufregenden Dialog zwischen Kunst und künstlerisch gefasster Natur, zwischen kulturellen Zeugnissen aus exotischen Ländern und aus der unmittelbaren Umgebung. Aber auch spätere Zeiten hatten ihre Freude am raffiniert arrangierten Zusammentreffen von ganzen und fragmentierten Dingen quer durch die Zeiten, die Künste und die Natur.

Die Anbetung der real-sichtbaren und tastbaren Welt in den Kapellen aristokratischer, bürgerlicher und schließlich avantgardistischer Kabinette steht am Anfang und am Ende des wissenschaftlichen Zeitalters. Die frühen Kunst- und Wunderkammern feiern die handfeste Entdeckung der Welt, die späten, melancholischen Wunderkammern und Collage-Kunstwerke des 19. Jahrhunderts, des Surrealismus und des Dadaismus nehmen in all ihrer poetischen Bizarrerie Abschied von Empirie und Ordnungsstreben. Das erhellende Licht des Neuzeitlichen weicht einer dämmrigen Dunkelheit der Ahnungen und Andeutungen, der Gespenster und Schrecken.

Lena Bosch erweist sich mit dieser Ausstellung als wahre, zauberkundige Hexenmeisterin des Verknüpfens von Kunst und Natur. Was sie uns virtuos hinstellt, scheint wie eine Summe aus Romantik und "Überwirklichkeit", denn nichts anderes ist der Surrealismus. Die als Malerin und Collagistin seit lange bekannte Künstlerin geht hier voll aus sich heraus, erlaubt sich und entfacht zwei- und dreidimensionale Kombinationslüste, die dem fantastischen Erregungspotential der großen Meister zwischen Josef Cornell und Max Ernst nicht nachstehen. Die Welt ist zugleich zivilisatorischer Müllhaufen und märchenhaftes Zauberparadies. Es kommt nur darauf an, welches Künstlerauge, welche Künstlerhand den "Mist" sortiert, berührt, beamtet, belebt, mit Poesie auflädt.

Was unsereins achtlos übersieht oder genervt entsorgt, ist für Lena Bosch köstlicher Stoff für geschichtengesättigte Arrangements in allen möglichen Formen und Ausprägungen. Aus dem zwischen Bali und Salzburg gepflückten Sammelsurium der gelehrten bis absolut nutztlosen Dinge, aus purem Talmi und gehüteten Erinnerungsstücken, aus Wissenschaftssplittern und Religionsresten komponiert Lena Bosch prächtige, berauschende Ensembles.

Aber der Beschwörung des Magischen in Alltäglichen haftet auch etwas Trauriges an, denn diese Wunderwelt ist zugleich ein unerhört sentimentales Denkmal für einen Weltzugang, den es eigentlich nicht mehr gibt. Die Dinge haben heute keine Wärme, kein geheimes Leben mehr. Lena Bosch träumt von Zeiten voller Mysterium und sie lädt uns ein, möglichst tief mitzuträumen in einem Schlaf des Rationalen.

Herwig Bayerl, auch er ein fester, aber sehr stiller Mitspieler der hiesigen Kunstszene, begleitet diesen Abschied vom Zählbaren, Konservierbaren, Überprüfbaren mit paradiesischen Groß- und Kleinbildern. Seine Arbeiten sind wie die Kreationen von Lena Bosch in Gefahr, zerredet, aus der Tradition heraus zu Tode erklärt zu werden. Auch bei diesem Künstler könnte man von der Inspirationsquelle des Vergangenen sprechen, könnte Vorgänger nennen, Beziehungsfäden spinnen, Nabelschnüre freilegen. Das hat aber keinen Sinn, das bringt nichts. Das stört nur den unmittelbaren Zauber einer pittoresken, bunten, aber nicht grellen Vorstellungswelt, die sich auch an Balinesischem entzündet und wärmt. Jenseits des Touristischen gibt es ja offensichtlich noch immer unverschüttete Brunnen eines geisterhaften, von Naturkräften bestimmten Seins.

Das Künstlerpaar Bosch und Bayerl präsentiert sich nach Jahren des Rückzugs zumindest aus Salzburg jenseits von bildernischen Klischees, die man mit diesen Namen verbindet. Da ist nichts Wiederholung, nichts Aufgekochtes.
Beide Künstler sind auf der Suche nach dem Wunderbaren. Und siehe. Er stellt sich ein - ganz ohne krampfhafte Beschwörungsrituale. Das Wunder kommt ganz ruhig daher. Es hat die Absicht, zu bleiben.

Stand: 13.3.2007, Monika Haslinger