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Stefan-Zweig-Stipendiat Jeroen Dewulf im Interview

Der Berkeley-Professor und aktuelle Scientist in Residence, Jeroen Dewulf, über Stefan Zweig, Brasilien und die Wissensstadt Salzburg.

„Das Gesamtpaket Salzburg überzeugt“

„Durch die Sprache hat sich eine neue Welt eröffnet“, sagt Jeroen Dewulf, Professor an der amerikanischen Uni Berkeley und derzeitiger Stefan-Zweig-Stipendiat in der Wissensstadt Salzburg über seine Zeit in Portugal und Brasilien.

Diese „neue Welt“ hat ihn bis heute nicht mehr losgelassen. Aufgrund seiner eigenen Erfahrungen interessierte er sich für deutschsprachige Autoren in Lateinamerika und speziell in Brasilien. So stieß er auf Stefan Zweig, der 1940 auf der Flucht vor den Nazis nach Brasilien emigrierte. Ein Forschungsthema, das Dewulf auch Jahre nach seiner Dissertation noch immer beschäftigt und ihn nun bis nach Salzburg geführt hat.  

Forschungsaufenthalt im Stefan Zweig Centre
Den Aufenthalt in Salzburg nutzt Jeroen Dewulf vor allem zur Recherche am Stefan Zweig Centre, wo er vor allem von der großen Sammlung an Original-Manuskripten profitiert. Auf einer Tagung zu Stefan Zweig wird Dewulf im September 2017 seine Forschungsergebnisse in Brasilien präsentieren. Darüber hinaus nutzt er die Zeit in Salzburg für ein Kennenlernen anderer ProfessorInnen und Wissenseinrichtungen und hofft auf weiterführende Zusammenarbeit.

Kooperation mit Salzburg ausbauen
Während des dreiwöchigen Forschungsaufenthalts versucht Jeroen Dewulf auch wertvolle Kontakte zu knüpfen. „Wir möchten gerne Salzburg als Partneruniversität gewinnen. Salzburg hat eine tolle Uni, ein einzigartiges Stefan Zweig Centre und ist auch als Stadt sehr lebenswert“, zeigt sich Dewulf überzeugt. So gab es bereits erste Gespräche mit dem Fachbereich Germanistik und mit anderen Institutionen. „Ich hoffe, dass wir die Kontakte auch weiterhin nutzen können. Wir planen einen Wissensaustausch zwischen den Universitäten“, so Dewulf.

Fünf Fragen an Jeroen Dewulf 

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Forschung?
Ich erforsche inwiefern brasilianische Quellen für das Buch Brasilien von Stefan Zweig wichtig waren. Bisher ist man immer davon ausgegangen, dass Zweig alles anhand seiner eigenen Erfahrung und Wahrnehmung beschrieben hat. Ich habe das Gegenteil bewiesen. Das Stefan Zweig Centre bietet mir eine große Auswahl an Zweig-Literatur, ganz besonders sind die Manuskripte. Da forscht man so lange zu einem Menschen und plötzlich darf man etwas in der Hand zu halten, das Stefan Zweig selbst geschrieben hat. Das ist eine ganz besondere Erfahrung.

Woher kommt die besondere Beziehung Stefan Zweigs zu Brasilien?
In seinem Werk Brasilien thematisiert er Land und Leute. Er schätzt vor allem die Vielfalt der Menschen. In Brasilien traf Zweig Leute aus aller Welt, die friedlich miteinander lebten. Diese tolerante Gesellschaft war eine Offenbarung für Zweig, denn es gab – anders als in Europa zu dieser Zeit – keine Verfolgung. Für ihn war Brasilien ein Paradies, deshalb hat er es auch so positiv dargestellt. Das Buch blendet soziale Problematik völlig aus. Dieses idyllische Bild wurde ihm später von KritikerInnen vorgeworfen.
Da Zweig das Land so hoch gepriesen hat, ist es unverständlich, warum er ausgerechnet in Brasilien Selbstmord begangen hat – zusammen mit seiner Frau, was häufig vergessen wird. Bis heute sind die genauen Umstände unklar.

Von einer amerikanischen Elite-Universität auf die Edmundsburg – worin unterscheidet sich Ihr Alltag in den USA und hier in Salzburg?
Hier in Salzburg kann man es viel ruhiger angehen lassen, es ist einfach gemütlicher. In Berkeley spielt sich alles auf einem großen Campus ab. In Salzburg ist alles kleiner, man ist direkt in der Altstadt und kann so auch zu Fuß die Stadt erkunden. Bei meiner Arbeit an der Universität in Amerika habe ich zwar viele Freiheiten und kann mir für meine Forschung viel Zeit nehmen, dennoch gibt es hohe Erwartungen, die ich erfüllen muss.

Was werden Sie zurück in Kalifornien über Ihre Zeit in Salzburg erzählen?
Der Aufenthalt in Salzburg war vor allem wichtig, um meine Forschungsergebnisse zu belegen. In Salzburg gibt es sehr wertvolle Schätze. Mir ist sehr viel daran gelegen, die Berkeley Universität für eine Kooperation mit der Uni Salzburg zu gewinnen. Dieses „Totalpaket“, das Salzburg bietet – Festspiele, Geschichte, Musik, Theater, Wissenschaft, Wirtschaft, Landschaft etc. – davon möchte ich meine KollegInnen in Berkeley überzeugen.

Welchen Titel eines Stefan Zweig-Buchs würden Sie Salzburg geben?
Manche Leute wären geneigt „Die Welt von gestern“ zu nehmen. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass der Titel „Land der Zukunft“ viel geeigneter wäre.

Zur Person
Jeroen Dewulf ist gebürtiger Belgier und publizierte bereits in fünf Sprachen (Englisch, Niederländisch, Deutsch, Portugiesisch und Französisch). Nach seinem Studium in Gent, Porto und Bern hat es ihn vor neun Jahren an die Berkeley University of California verschlagen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der holländischen und portugiesischsprachigen postkolonialen Literatur sowie in der europäischen und insbesondere der Schweizer Literatur. Er leitet das Institute of European Studies und ist Professor im Germanistik Department, das zu den führenden in ganz Amerika zählt. Noch bis 23. Dezember 2016 ist Dewulf Scienctist in Residence in der Wissensstadt Salzburg.

 

 

Stand: 21.12.2016, Dagmar Aigner