Mariana Holms - Stefan Zweig Stipendiatin 2018

Im Mai 2018 war Mariana Holms aus Sao Paulo (Brasilien) zu Gast in Salzburg. Sie arbeitete am Thema "Das autobiographische Subjekt in Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern".

Das Stefan Zweig-Forschungsstipendium vergibt die Stadt Salzburg jährlich in Zusammenarbeit mit dem Stefan Zweig Centre.
Stefan Zweig engagierte sich Zeit seines Lebens mit großer Hingabe für den europäischen Dialog von Persönlichkeiten aus Kunst und Wissenschaft. Mit dem Stipendium in seinem Namen wollen wir sein Anliegen weiterführen, indem wir Raum für nachhaltige Gedankenverbindungen über nationale Grenzen hinweg schaffen.

Porträt Mariana Holms

Deutsch mit Zucker

„Wer hat Angst vor deutscher Literatur?“ lautet der Titel eines Germanistik-Seminars an der Uni in São Paulo. Mariana Holms bestimmt nicht. Die Studentin aus der brasilianischen Metropole ist die aktuelle Stefan-Zweig-Stipendiatin in der Wissensstadt Salzburg. Hier forscht sie für ihre Masterarbeit.
Stefan Zweig hat es Mariana Holms angetan. Der österreichische Autor, der einige Jahre auch in Salzburg lebte, emigrierte nach Brasilien und nahm sich 1942 in Petrópolis das Le-ben. Seine Werke sind geblieben und begeistern noch heute. „In Brasilien erlebt Stefan Zweig gerade ein Revival“, erzählt Mariana Holms, die zwei Monate in Salzburg verbringt, bei einer Tasse Filterkaffee.

Lernen, eine Forscherin zu sein

Seit Anfang Mai ist sie in Salzburg und lernt wie eine Forscherin zu denken und zu arbeiten. Ihre Zeit verbringt Holms meist im Stefan Zweig Centre oder in der Bibliothek im Unipark.
Von dem Material, das ihr hier in Salzburg zur Verfügung steht, ist die Germanistik-Studentin beeindruckt: die große Auswahl an Literatur von und über Zweig in der Unipark-Bibliothek oder Zweigs Manuskripte im Literaturarchiv. Ganz besonders ist es für sie im Ste-fan Zweig Centre persönliche Gegenstände, Bilder und Dokumente von Zweig zu sehen oder in einer Tonaufnahme seine Stimme zu hören. „Es ist eine investigative Arbeit mit den De-tails aus seinem Leben“, so Holms über ihren Forschungsaufenthalt.
Auf das Stipendium aufmerksam gemacht, haben sie Professoren des Fachbereichs Germa-nistik der Uni Salzburg, die sie auf einer großen Stefan-Zweig-Konferenz in Brasilien ken-nengelernt hat.

Das Fragment Stefan Zweig

Wer steckt hinter dem Mann, der stets mit violetter Tinte schrieb? „Es sind oft ganz banale Details, von denen man auf persönliche Eigenschaften schließen kann“, berichtet die Sti-pendiatin. Mit ihrer Arbeit versucht sie die Puzzleteile zu ordnen und in die richtige Form zu bringen. „Die kritische Auseinandersetzung mit Stefan Zweig ist wichtig. Man darf nicht der Illusion von Zweig verfallen. Gleichzeitig ist es wichtig, junge Leute für Zweigs Werke zu begeistern“, erzählt sie.
Auch die neue Stefan Zweig Plattform des Literaturarchivs ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, den Autor besser zu ergründen. „Irgendwann wird man verstehen wer Stefan Zweig war“, ist Holms überzeugt.

Begeisterung für die deutsche Sprache

Mariana Holms beeindruckt mit ihren Deutschkenntnissen. 2009 hat sie ihr Germanistik-Studium an der Fakultät für Philosophie, Philologie und Geisteswissenschaften (FFLCH) der Universität von São Paulo angefangen. „Andere Sprachen und Kulturen kennenzulernen er-weitert den Horizont und führt zu einem größeren Verständnis für das Miteinander“, so Holms, die vier Sprachen spricht. Nach einem Aufenthalt in Berlin ist Salzburg erst ihr zwei-ter Besuch in einem deutschsprachigen Land. Im Gegensatz zur deutschen Großstadt, ge-nießt sie die Österreichische Gemütlichkeit sehr. „Das Österreichische ist ein bisschen wie Deutsch mit Zucker“, sagt Mariana Holms schmunzelnd.

Vier Fragen an Mariana Holms

Ihre Arbeit trägt den Titel „Das autobiographische Subjekt in Stefan Zweigs ‚Die Welt von gestern‘“. Was ist ihr Forschungsziel?
„Die Welt von gestern“ ist ein Erinnerungsbuch mit autobiographischem Charakter. Das Buch eröffnet sich nicht auf den ersten Blick. Viele Details habe ich erst später entdeckt. Zweig war ein „Entrepreneur“ der Kultur, eine Person voller Widerspruch und Kritik. Ich ver-suche anhand seiner Briefe und Manuskripte seine Persönlichkeit zu entdecken. Darüber hinaus vergleiche ich das Autobiographische in „Die Welt von gestern“ mit dem Essay „Mon-taigne“.

Wie sehen Sie die besondere Beziehung Stefan Zweigs zu Ihrem Heimatland Brasilien?
Stefan Zweig hatte ein sehr idealisiertes Bild von Brasilien. Nach seiner Vertreibung von Europa hat er nur das Schöne und Gute in Brasilen gesehen. Er war blind für die Ungerech-tigkeit und Verurteilung von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen, die es in Brasilien gab und immer noch gibt. Zweig war von Brasilien begeistert. Mit „Brasilien: Ein Land der Zukunft“ hat er ein Buch für Europäer*innen geschrieben, in Brasilien wurde das Buch kritisiert.

Sie kommen von einer Metropole mit 12 Millionen Einwohner*innen in das beschauliche Salzburg. Wie gefällt es Ihnen?
Die Stimmung hier in Salzburg ist der meines Heimatorts Santos sehr ähnlich. São Paulo ist eine hektische Stadt, Salzburg ist sehr gemütlich und schön. Ich genieße die Nähe zur Natur und bin viel unterwegs. Obwohl die Universität in São Paulo viel größer ist (96.364 Studie-rende), finde ich hier beste Voraussetzungen für meine Recherche.

Welches Buch von Stefan Zweig sollte jeder gelesen haben?
Ganz klar die Schachnovelle, es ist für mich das wichtigste Werk, das einen guten ersten Eindruck in Zweigs Literatur vermittelt. Aber auch „Die Welt von gestern“ sollte man gelesen haben, ich entdecke darin immer wieder etwas Neues.

Das Interview führte Eva Kraxberger.

Zur Person

Portraitfotografie
Mariana Holms

Eigentlich wollte die 27-Jährige Brasilianerin Übersetzerin werden, doch dann entschied Ma-riana Holms sich doch dafür, intensiver in die Literatur einzutauchen. Ihre familiären Wurzeln hat sie in England und Italien. Mariana Holms spricht Spanisch, Englisch, Portugiesisch und Deutsch. Geboren ist sie in der Hafenstadt San-tos, direkt an der Atlantikküste, seit 2009 stu-diert sie in São Paulo Germanistik. Ihr Wunsch ist es, eine akademische Karriere einzuschla-gen. Dem Deutschen ist sie sehr verbunden, besonders die trennbaren Verben gefallen ihr. Ein Zitat aus dem 29. Sonett an Orpheus von Rainer Maria Rilke trägt sie als Tattoo in der rechten Armbeuge.