Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus

Das Projekt

Residenzplatz 1. Mai 1938
Residenzplatz 1. Mai 1938

Die Stadt Salzburg setzt sich in einem groß angelegten Projekt mit ihrer Geschichte in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft auseinander. Unter Projektleitung des Hauses der Stadtgeschichte werden in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg Entwicklung, Entfaltung und Nachwirkung des Nationalsozialismus in der Stadt Salzburg untersucht

Das auf mehrere Jahre angelegte Projekt bezieht sowohl die Vorgeschichte des Aufstiegs des Nationalsozialismus als auch seine lang dauernden Nachwirkungen ein. Es befragt das alltägliche Geschehen und untersucht die Strukturen der Herrschaft und der Macht.

Jeweils im Herbst widmen sich HistorikerInnen und ausgewiesene Fachleute in einer Vortragsreihe ausgewählten Themen der Stadtgeschichte. Im darauf folgenden Jahr erscheint zu diesem Thema eine umfangreiche Publikation. Neben den themenspezifischen Sammelbänden zur Geschichte des Nationalsozialismus in der Stadt Salzburg werden auch grundlegende Quellen, eine Stadtchronik und Kurzbiographien veröffentlicht.

Darüber hinaus wird die Bevölkerung in ein Projekt zur Alltagsgeschichte in der Stadt Salzburg eingebunden. SchülerInnen und Jugendliche sollen durch Ausstellungen und begleitende Veranstaltungen im Haus der Stadtgeschichte für die Thematik sensibilisiert werden.

Themen der ersten Vortragsreihe im Herbst 2009 waren die Vorgeschichte, die Geschehnisse rund um den "Anschluß" und die unmittelbaren Folgen der Etablierung der nationalsozialistischen Herrschaft. Die Jahre 2010 und 2012 sind dem Schwerpunkt Alltag, Kultur und Propaganda und das Jahr 2011 Verfolgung und Terror gewidmet. 2013 werden die NS-Machtstrukturen und 2014 die Kommunalverwaltung der "Gauhauptstadt Salzburg" im Mittelpunkt des Interesses stehen. Das Projekt soll im Jahr 2015, 70 Jahre nach Kriegsende und Befreiuung von der NS-Herrschaft, seinen Abschluss finden.

Themenübersicht

Die Geschichte des Nationalsozialismus drängt sich immer wieder an die Oberfläche. Sie ist eine höchst emotionalisierende Geschichte, die immer wieder Fragen nach den komplexen Beziehungen zwischen „Tätern“, „Opfern“ und „Zuschauern“ stellen muss. Weder Verdrängen noch Moralisieren ist gefragt. Nur eine faktennahe und quellenkritische Analyse kann jene Bedingungen freilegen, die so Viele mit dem Regime verstrickten und aufzeigen, wie sich die Diktatur im ganz „normalen“ Leben festsetzte.

Hoffnungen und Verzweiflung

Die lange Tradition des Antisemitismus, antidemokratisches Denken und die Schaffung von Feindbildern sind das gedankliche Substrat für den Aufstieg des Nationalsozialismus. Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit radikalisierten und führten bereits 1933/34 zu einer Entdemokratisierung von Staat und Gesellschaft. Der seit vielen Jahren propagierte „Anschluß“ an das deutsche Reich und damit die nationalsozialistische „Machtergreifung“ fand in der Bevölkerung breite Zustimmung und weckte euphorische Erwartungen.

Nicht nur der „Anschluß“ hat eine lange Vorgeschichte, sondern auch autoritäres und antidemokratisches Denken. Die erste Vortragsreihe widmet sich daher nicht nur der Frühgeschichte des Nationalsozialismus und den Ereignissen vom „Berchtesgadener Abkommen“ bis zur „Machtübernahme“, sondern auch der Vorgeschichte der hohen Akzeptanz des Nationalsozialismus. Den „Versprechungen“ des Regimes auf der einen entsprachen die Verfolgungen auf der anderen Seite.

Alltag und Kultur

Die Ideologie der „Volksgemeinschaft“ strukturierte auch den Alltag. Ihr wurde alles untergeordnet, der Einzelne zählte wenig. Die Euphorie nach dem „Anschluß“ wurde konterkariert durch die Verfolgungen, denen Menschen ausgesetzt waren, die nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten. Rege Propagandatätigkeit und eine überbordende Festkultur demonstrierte diese Gemeinschaft. Dabei wurden sowohl katholische Feste (wie Erntedank) als auch Feste der Arbeiterbewegung (1. Mai) im nationalsozialistischen Sinne umgedeutet. Eine Reihe von Veranstaltungen und Institutionen diente der nationalsozialistischen „Volkstumspflege“ (wie Heimatwerk, „Kulturtage der Hitlerjugend“ und viele andere). Der Sport kam dem sozialdarwinistischen  Leitbild des Nationalsozialismus der Selektion der Stärksten entgegen.

Die inszenierten Bilder von Aufschwung und Fortschritt wurden bald von der Logik der Kriegsvorbereitung und den Zwängen des Krieges eingeholt. Die Aufbringung von Lebensmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs wurde reglementiert und das Wirtschaftsleben gänzlich dem „totalen Krieg“ untergeordnet. 1944 erreichte der Krieg mit den alliierten Luftangriffen auch die Stadt Salzburg.

Der Entprovinzialisierung der Provinz entsprach die Provinzialisierung der kulturellen und sozialen Codes. Der nationalsozialistischen Kulturpolitik kommt gerade in Salzburg eminente Bedeutung zu. Die Salzburger Festspiele und andere  „Kulturinstitutionen“ wie etwa die Reichshochschule Mozarteum dienten dem Aufbau eines Salzburg-Kultes mit Mozart und Paracelsus als Leitfiguren. Ausstellungswesen, Kunst- und Kulturförderung müssen unter dem Blickwinkel der „Vertreibung des Geistigen“ gesehen werden.

Die Konstrukte des „deutschen Helden“ und des „tüchtigen, deutschen Mädchens“  waren Angelpunkte der nationalsozialistischen Herrschaft und bestimmten die Beziehungen der Geschlechter.

Nach dem „Anschluß“ wurden die Schulen (meist von Anhängern des „Ständestaates“) „gesäubert“ (Gesetz über das deutsche Berufsbeamtentum), das kirchliche Schulwesen aufgelöst. Der Einfluss der NSDAP auf das Schulwesen institutionalisierte sich mittels HJ und NSLB (Nationalsozialistischer Lehrerbund). Der Unterricht richtete sich nach nationalsozialistischen Vorstellungen („Wehrertüchtigung“, „Volksgesundheit“), was besonders in den Fächern Biologie, Deutschkunde und Geschichte zum Ausdruck kam.

Leben im Terror

Die hohe Akzeptanz des nationalsozialistischen Regimes rührte nicht zuletzt von den Verheißungen eines wohlfahrtsstaatlichen Systems und der Schaffung von Arbeit. Eine nach rassistischen Kriterien aufgebaute „Volksgemeinschaft“ schloss jedoch erhebliche Teile der Bevölkerung von dieser aus. Das NS-Regime konnte dabei auf manifeste Feindbilder mit ihrer langen Tradition zurückgreifen. Deren Bedeutungsgehalte sowie die Bedingungen der Umsetzung von Gewaltaktionen (Denunziation, physische Gewalt, aktive und passive Zustimmung zu Terrorakten) und mehr noch die Bedingungen des „Zuschauens“ und Nicht-Wahrnehmens sind Gegenstand der Analyse.

Die Vortragsreihe versucht der Vielschichtigkeit der unterschiedlichen Gruppen der Opfer des nationalsozialistischen Terrors gerecht zu werden. Die jüdische Bevölkerung war von Beginn an Verfolgung ausgesetzt. Der Bogen reicht von systematischer Entrechtung, Arisierung, zwangsweiser Emigration bis zur Ermordung in den Vernichtungslagern. Mutmaßliche und tatsächliche Gegner (von Vertretern des „Ständestaates“ bis zur politischen Linken) wurden angefeindet und verfolgt. „Gleichschaltung“ der Medien, diktatorische Machtstrukturen und Terror sicherten die Herrschaft.

Die Logik des Krieges, alle Ressourcen zu beanspruchen, bewirkte eine zunehmend gewaltsame Requirierung von Arbeitskräften („Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangene). Das Ausmaß und die Bedingungen des „Arbeitseinsatzes“ werden dargestellt.

Machtstrukturen der NS-Herrschaft

Die Vortragsreihe versucht das Gefüge der polykratischen Machtstrukturen der informellen Verwebungen des NS-Regimes in Salzburg auf allen Ebenen freizulegen.

Partei und Staat mit den Behörden des Gauleiters/Reichsstatthalters, die lokalen Eliten von SD, SS und SA, Justiz und Gestapo sowie militärischer Verwaltungsbehörden waren eng miteinander verwoben. Das soziale, kulturelle und politische Profil kommunaler Entscheidungsträger ist Gegenstand der Vorträge.

Darüber hinaus wird auch den weiterhin existierenden politischen Loyalitäten und Lebenswelten und ihrer Anpassung und Resistenz zum Regime Augenmerk geschenkt.

Stadtverwaltung und Kommunalpolitik

Die nationalsozialistische Stadtverwaltung war im Rahmen des polykratischen Machtgefüges der NS-Herrschaft dem SA-Komplex zugeordnet. Die Verwaltungsstrukturen folgten dem „Führerprinzip“. Durch die Einführung der Deutschen Gemeindeordnung wurde der direkte Einfluss der NSDAP auf die Verwaltung der Stadt festgeschrieben.

Die Vortragsreihe  versucht die Frage zu klären, welche Rolle der Magistrat, seine Dienststellen und Repräsentanten im Rahmen des NS-Systems spielten. Es werden sowohl die hierarchischen Strukturen und Kommunikationswege nach oben wie nach unten analysiert, aber auch die autonomen Möglichkeiten kleinräumiger Gewaltausübung (z. B.: Gewerberecht, Fürsorge, Jugendwohlfahrt, Gesundheitswesen …) thematisiert.

Leitend für die Analyse, welche Bedeutung die Kommunalpolitik (-verwaltung) für die Nationalsozialisten spielte, ist die These der „regressiven Modernisierung“. Dazu zählen sowohl Maßnahmen, die auf Kosten ganzer Bevölkerungsgruppen von weiten Kreisen der Bevölkerung als Fortschritt angesehen wurden, etwa die wirtschaftliche Expansionspolitik, die Gesellschaftspolitik mit der Schaffung neuer Einrichtungen (wie Standesämter), die Trennung von Staat und Kirche (im Gegensatz zum „Ständestaat“), die Abschaffung des Heimatrechtes und etwa auch die Installierung von Jugendämtern.

Detailanalysen gelten auch den der Stadtverwaltung direkt untergeordneten Institutionen, bzw. jenen, auf die die Stadt einen bestimmenden Einfluss ausüben konnte wie das Salzburger Museum CA, das Stadttheater (später Landestheater), die Stadtbücherei, Musikschulwerk und andere.

Schweigen und erinnern

In den 1950er Jahren herrschte das große Schweigen. Wiederaufbau und zunehmende Konsummöglichkeiten in den 1960er Jahren verdrängten den Nationalsozialismus. Er sollte vergessen und verdeckt werden. Doch die Geschichte des Nationalsozialismus vergeht nicht.

Ist die Entnazifizierung nun gescheitert oder nicht? Gab es eine Alternative zur Reintegration der „Ehemaligen“?  Schon früh forderte der erste sozialdemokratische Bürgermeister der Stadt Salzburg eine Ende der „Nazisäuberung“ und die Mithilfe der „Ehemaligen“ am Wiederaufbau. Meinte er damit auch das Ende der Entnazifizierung der Köpfe?

Nach Kriegsende wurden zwar die Raubzüge der Nazi in Rückstellungsprozessen aufgerollt, die Gesetzgebung bot aber nur ein limitiertes Instrument der Rückgabe.

Bis weit in die 1960er Jahren wurden Straßen nach Personen benannt, die das NS-Regime unterstützt oder von ihm profitiert hatten. In den späten 1980er Jahren wurde dieses Namensgut erstmals problematisiert, heute ist die Debatte darüber voll im Gang. Auch das NS-Regime benannte Straßen nach ideologischen Vorgaben.

Das Gedenken im öffentlichen Raum ist nach wie vor ein gespaltenes, gespalten nach politischer Orientierung. Erst spät wurden Opfergruppen weitere wie Roma und Sinti, Homosexuelle und Deserteure anerkannt und nur zögernd in die öffentliche Erinnerung einbezogen. Und noch immer gibt es Gruppen, denen nicht Rehabilitierung widerfährt, Frauen etwa, denen „verbotener Umgang“, Liebesbeziehungen, vorgeworfen wurde.