Gefahr der „vergessenen Generation“: Die Kinder- und Jugendhilfe im Jahr 2021

Herausforderungen, Risiken, neue Möglichkeiten
Freitag, 10.12.2021
"774 Gefährdungsabklärungen sind eine schockierend hohe Zahl", berichtet Adelheid Moser, die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt.

Die Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Salzburg berichtete heute über die herausfordernde Arbeit im zweiten Jahr der Corona-Krise. Denn das Jahr 2021 brachte leider keine Entspannung für viele Kinder und Jugendliche. Neben dem Inkrafttreten des Sozialunterstützungsgesetzes mit seinen geänderten Berechnungsmaßstäben trägt auch die coronabedingte Arbeitslosigkeit – nicht nur durch den erneuten Lockdown – zur Verschärfung der ohnehin meist prekären finanziellen Situation in den betreuten Familien bei. Existenzängste, Überforderung, sowie Sinnlosigkeitsgefühle wachsen.

Gefährdungsabklärungen buchstäblich „auf der Tagesordnung“

Dies führte auch 2021 zu einem – wie bereits 2020 konstatierten - Anstieg an meistens suchtbedingter häuslicher Gewalt und zu einer durch psychische Erkrankungen von Elternteilen bedingten Vernachlässigung von Kindern und Jugendlichen. Der bereits 2020 (668 Fälle) im Vergleich zu 2019 (480 Fälle) deutliche Anstieg an Gefährdungsabklärungen erfuhr 2021 eine weitere Steigerung. Bereits 774 Mal sind diese Meldungen von Institutionen und Privatpersonen zu Verdachtsfällen von Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen heuer schon erfolgt (Stand November 2021). „Das ist eine nochmalige Steigerung um 27% auf das Jahr 2020 und um erschreckende 76% im Vergleich zu 2019. Und das, obwohl der Krisenmonat Dezember hier noch nicht einmal erfasst ist. Im Schnitt haben wir heuer 15 Meldungen pro Woche, das sind zwei pro Tag. Gefährdungsabklärungen stehen für die Kolleg:innen also buchstäblich auf der Tagesordnung“, so Adelheid Moser, die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt.

Im Vergleich zu 2020 (184 Fälle) haben sich auch die Wegweisungen und Betretungsverbote 2021 (bis Ende November bereits 285 Fälle) deutlich erhöht. Das entspricht einer Steigerung um 55%.

Engmaschige Zusammenarbeit

Für die Sozialarbeiter:innen der Kinder- und Jugendhilfe bedeuten diese Zahlen eine enorme Herausforderung. Nur durch die intensive Zusammenarbeit mit den Familien, den Kooperationspartner:innen und den Gewaltschutzeinrichtungen – wie dem Gewaltschutz- und Kinderschutzzentrum – sowie den Gerichten kann diese große Zahl an Abklärungen derzeit noch bewältigt werden.

„Wir haben intern bereits  im Sommer darauf reagiert und unter dem Projektnamen „Schutzschirm Salzburg“ eine Taskforce ins Leben gerufen, die das Ziel hat die eigenen Abläufe innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe zu verbessern und eine intensivere Vernetzungsarbeit mit den verschiedenen Institutionen voranzutreiben. Denn in der Krise müssen wir alle zur Verfügung stehenden Kräfte bündeln und die Zusammenarbeit optimieren“, so Abteilungsvorstand Patrick Pfeifenberger. „Mein besonderer Dank geht hier an die ressortverantwortliche Stadträtin und die gesamte Stadtpolitik, die uns in der Krise immer unterstützt haben. Es war in der Bewältigung der Krise Gold wert, dass die Stadt Salzburg als einzige Bezirksverwaltungsbehörde keine ihrer Jugendamtssozialarbeiter:innen ins Contact Tracing abkommandieren musste. Es ist schwer vorstellbar, wie wir den Anstieg mit vermindertem Team hätten bewältigen können“, so Pfeifenberger.

Mehr Ressourcen für eine #GewaltfreieStadt

Bereits im März 2021 gab die Jugendstudie der Stadt Salzburg, die sich mit den Auswirkungen von Corona auf die Jugend beschäftigte, Hinweise auf genau jene Defizite, die aktuell Anlass zur Besorgnis geben.

„Wir haben damals nicht nur mit der Intensivierung unserer Initiative „Mensch mach’s möglich“: #gewaltfreiestadtsalzburg  reagiert. Es war auch klar, dass es mehr Ressourcen brauchen wird. Diese konnten wir dankenswerter Weise auch im heurigen Budget verankern“, so Hagenauer. Die Kinder und Jugendhilfe wird im kommenden Jahr durch drei zusätzliche Sozialarbeiter:innen verstärkt werden.

Angesichts der aktuellen Zahlen zum Jahresende und einer noch immer ungewissen Zukunft in Bezug auf die Entwicklung der Pandemie ist das für Hagenauer aber nicht genug: „Koste es was es wolle - war das große Motto der Politik, wenn es um die Rettung der Wirtschaft und des Tourismus ging. ‚Koste es was es wolle‘ muss jetzt endlich auch für den Sozialbereich, allen voran für unsere Kinder, gelten. Hier vermisse ich schmerzlich denselben Nachdruck der Entscheidungsträger“, so die Stadträtin.

Hagenauer fordert 3-Jahres-Plan für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen

Hagenauer konkretisiert: „Gerade in der Nachsorge müssen wir viel mehr tun. Nicht nur bei denen die bereits in der Kinder- und Jugendhilfe angedockt sind, sondern bei allen Kindern. Alle Expert:innen bestätigen uns, dass es hoch an der Zeit ist den psychischen Belastungen unserer Kinder und Jugendlichen mit psychotherapeutischen Hilfsangeboten zu begegnen. Hier müssen wir landesweit in die Gänge kommen und schnellstens Angebote schaffen, wenn wir unsere Kinder nicht mit den Folgen der Krise allein zurücklassen wollen. Hier zu schlafen, wäre sowohl für die Kinder als auch für die Gesellschaft verheerend. Denn Kinder und Jugendliche jetzt im Stich zu lassen, bedeutet in 15 Jahren Erwachsene mit Burnout und Depression behandeln zu müssen. Mit allen gesellschaftlichen und auch wirtschaftlichen Folgen“, so Hagenauer weiter.

Ich fordere daher einen Fahrplan für die nächsten drei Jahre, wie wir der „vergessenen Corona Generation“ bis 2024 wieder auf die Beine helfen können. Hier muss es schnell zu einer Zusammenarbeit von Bund und Ländern auf der einen Seite und den Expert:innen von ÖGK und Kinder – und Jugendhilfe auf der anderen Seite kommen. Gemeinsam soll so ein Drei-Jahresplan für die psychische Gesundheit unserer Kinder erarbeitet werden.“

Probleme blieben länger unbemerkt

Obwohl die Jugendzentren – mit Ausnahme des ersten Lockdowns – durchgehend erreichbar waren, blieben durch das Wegfallen außerfamiliärer Strukturen wie der Schule vor allem die Probleme von Jugendlichen aus äußerst schwierigen Familienverhältnissen länger unbemerkt als sonst. Eine steigende Anzahl an Jugendlichen waren dadurch aus den meisten Betreuungskontexten, die in der Vergangenheit Halt gaben, herausgefallen und so weder für ihre Eltern noch für die Kinder- und Jugendhilfe „greifbar“. „Besonders erschreckend war dabei der Umstand, dass es sich bei diesen Jugendlichen zu 75% um Mädchen handelte, bei denen wir davon ausgehen müssen, dass sie latent von sexuellem Missbrauch und Gewalt bedroht sind“, so Adelheid Moser.

Zwar war im Oktober 2021 mit über 20 Jugendlichen in dieser Thematik ein minimaler Rückgang zu beobachten, der jedoch - im Vergleich mit den Vorjahren 2019 und 2020 (je ca. 5-7 Jugendliche) – nach wie vor als kritisch einzustufen ist.

Re-Integration in den Schulalltag schwierig

Genauso konnten im Herbst des Jahres einige Kinder und Jugendliche nach der langen Homeschooling-Phase bis zum Sommer 2021 nur mit großen Schwierigkeiten oder auch gar nicht mehr in den Schulalltag zurückkehren. Dadurch erfolgte auch bei den Familien, die von der Kinder- und Jugendhilfe Unterstützung bekommen, aber grundsätzlich selbst gut organisiert sind, eine zusätzliche spürbare Destabilisierung. „Die Kinder und Jugendlichen gingen nicht mehr zur Schule, verbrachten enorm viel Zeit in der Computerwelt, wo sie den Peers nur noch virtuell begegneten. Manche Kinder und Jugendliche wurden spielsüchtig und mussten psychiatrisch abgeklärt werden“, beschreibt Moser die Situation.

Herausforderung Personalmangel im Sozialbereich

Eine neue Erfahrung für die Kinder- und Jugendhilfe ist der derzeitige offensichtlich werdende Mangel an Fachkräften im gesamten Sozialbereich, insbesondere in der ambulanten Betreuung, dem gerade in Krisenzeiten wie dieser eine besondere Bedeutung zukommt. So werden die ohnehin bestehenden Wartezeiten bis zur möglichen Installierung einer Unterstützungsmaßnahme innerhalb einer Familie momentan durch fehlendes Personal noch vergrößert.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Engpass an Kinderbetreuungseinrichtungsplätzen zu verorten; für die Kinder- und Jugendhilfe sind diese Einrichtungen eine der wichtigsten Ressourcen in der zeitnahen Versorgung von besonders belasteten Familien.

„Digitale Sozialarbeit“

Die Corona-Maßnahmen haben auch zu einer Digitalisierung der Sozialarbeit beigetragen. So wurde bis Juni 2021 in geteilten Teams gearbeitet, die sich beim Arbeiten im Amt und Home Office abwechselten. Die Betreuungs- und Beratungsarbeit sowie die Maßnahmen der  „Unterstützung der Erziehung“ und der „Vollen Erziehung“ mit ihren regelmäßigen Verlaufsgesprächen, konnten ohne größere Verzögerungen digital fortgeführt werden. Zunächst fanden viele der Gespräche mit den Kooperationspartner:innen mit Hilfe von Videocalls statt, im Laufe des Jahres wurden dann auch Präsenzgespräche wieder möglich. Der persönliche Kontakt mit den Familien wird aber auch künftig wesentlicher Bestandteil der Arbeit der Kinder- und Jugendhilfe bleiben. Darin liegt die besondere Stärke für eine erfolgreiche Unterstützung der Familien.

Fazit: Kinder und Jugendliche werden übersehen

In Zusammenhang mit der Pandemie musste die Kinder- und Jugendhilfe erkennen, dass die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen schlicht übersehen wurden. „Die Erwachsenenwelt hat vergessen, dass zwei Jahre für Kindheit und Jugend eine sehr lange Zeit bedeuten und die körperlichen Kontakte als schützende Ressource für die eigene Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung schon zu lange fehlen“, so Adelheid Moser abschließend.

Die Kinder- und Jugendhilfe musste diesbezüglich eine sehr ernstzunehmende Destabilisierung der Kinder und Jugendlichen wahrnehmen und sieht sich neben dem Schutz der Kinder und Jugendlichen vor den unterschiedlichsten Ausprägungen der Gewalt auch in der Pflicht, in den kommenden Monaten Kindern und Jugendlichen vermehrt zuzuhören, niederschwellige Orte der Begegnung für sie einzufordern und ihnen, vor allem in einer Zeit der Krise, Zuversicht zu geben, um die Kinder und Jugendlichen dieser Zeit nicht zu einer „vergessenen Generation“ werden zu lassen.

Berichteten über die Herausforderungen in der Kinder- und Jugendarbeit
vlnr.: Sozialarbeiterin Isabella Stürzl, Leitender Sozialarbeiter Wolfram Günther, Stadträtin Anja Hagenauer, Abteilungsvorstand Patrick Pfeifenberger und die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe Adelheid Moser.

Christine Schrattenecker