Hintergrundbild
Wirtschaft & Umwelt
 
Presse

Haus der Stadtgeschichte arbeitet in umfassendem Projekt die NS-Ära in Salzburg auf

Di, 11. November 2008

Zu kaum einer Thematik wurde und wird soviel publiziert wie zum Nationalsozialismus. Das gilt indes für die Geschichte des Nationalsozialismus in Salzburg, seiner Entwicklung und Entfaltung sowie der Geschichte seines Nachwirkens in der Salzburger Gesellschaft nur partiell: Zwar gibt es etliche Einzelstudien, Arbeiten zu einzelnen Aspekten und Teilbereichen und auch zusammenfassende Überblicksdarstellungen. Eine fundierte Gesamtbetrachtung der Stadt Salzburg im Nationalsozialismus fehlt allerdings.
„Ich habe daher unser städtisches Archiv im Haus der Stadtgeschichte beauftragt, diesen Teil unserer Geschichte in einem Arbeitsschwerpunkt der nächsten Jahre wirklich umfassend aufzuarbeiten“, stellt Bürgermeister Heinz Schaden das Projekt „Die Stadt Salzburg im Dritten Reich“ vor.
Das Vorhaben, das im Dezember mit einem ersten workshop beginnt, wird inhaltlich breit aufgestellt: Von besonderem Interesse für die Stadt Salzburg sind neben der Ereignisgeschichte verstärkt auch Fragen nach dem Geschehen „in der Breite“ sowie nach den Wechselwirkungen zwischen sozialen Strukturen, kulturellen Präferenzen und politischer Herrschaft, wie sie sich auf lokaler Ebene darstellen.

Themenschwerpunkte
- Vorgeschichte nationalsozialistischer Ideologien
- „Anschluß“ und Machtübernahme
- „Braune Netzwerke“ und „nationalsozialistische Stadtverwaltung“
- Die NSDAP und ihre Gliederungen
- Die Wehrmacht in der Stadt Salzburg
- Verfolgung und Terror
- Stadtplanung und Architektur („Neugestaltungsstadt“, Wohnbauboom, Eingemeindungen etc.)
- Wirtschaft und Tourismus (Zwangsarbeiter, etc.)
- Kulturpolitik (Salzburger Festspiele, „Institut Ahnenerbe“, Mozarteum, Haus der Natur, Museum CA)
- Schule und Bildung
- Kommunale Sozialpolitik und Gesundheitspolitik (Deutsches Fürsorgerecht, Winterhilfswerk, Rassenhygiene, Euthanasie etc.)
- Alltag im Nationalsozialismus
- Frauenbilder und -realitäten, Männerbilder und -realitäten
- Kirche und Nationalsozialismus
- Jüdische Bevölkerung (Arisierung, Zwangsauswanderung, physische Vernichtung)
- Festkultur und Sport (Propaganda, Volkstumspflege, Sportveranstaltung, Alpinismus etc.)
- Entnazifizierung

Für eine umfassende Dokumentation ist auch eine Verlängerung der Zeitachse über die Eckdaten 1938 und 1945 sowohl nach rückwärts als auch nach vorwärts notwendig, um Kontinuitäten und Diskontinuitäten herauszuarbeiten. So ist etwa nicht nur die Frühgeschichte des Nationalsozialismus von Interesse, sondern auch die Vorgeschichte der hohen Akzeptanz des Nationalsozialismus. Desgleichen ist auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Umgang des Nationalsozialismus und dem Nachwirken jenes Gedankenguts, das ein derart menschenverachtendes Regime ermöglichte, und seiner Exponenten nach 1945 unerlässlich.

Quellen umfassend aufarbeiten
Die dazu im Stadtarchiv liegenden Quellen, die über die nationalsozialistische Stadtverwaltung Auskunft geben können, sind unvollständig und für die Bearbeitung des Themas bei weitem nicht ausreichend. Im Wesentlichen haben sich Archivalien zum einen „nur“ nach juristischen Überlegungen erhalten, zum anderen wurden nach 1945 offensichtlich Spuren beseitigt. Korrespondenzen des Oberbürgermeisters mit den übergeordneten Stellen von Staat und Partei fehlen gänzlich. Zum anderen wurde zum Beispiel der Aktenbestand „Judengeschäfte“ nach 1945 skartiert (allerdings vergaß man die dazugehörigen Karteikarten ebenfalls zu vernichten).
Das Projekt muss daher auf Aktenbestände außerhalb des eigenen Bereiches zugreifen. Die wichtigen Aktenbestände Reichsstatthalter (RSTH), Landesregierung, Präsidialabteilung sowie Gerichtsakten befinden sich im Salzburger Landesarchiv. Darüber hinaus sind aber auch Akten des Bundesarchivs Berlin (ehemals Berlin Document Center) und des Bundesarchivs Freiburg heranzuziehen. Eine Recherche in umfangreichen US-Beständen ist ebenfalls unumgänglich.
Dem Stadtarchiv stehen allerdings Quellen zur Verfügung, die erst in jüngerer Zeit vom Archiv übernommen werden konnten, wie das umfangreiche Fotoarchiv des ersten Salzburger Pressefotografen Franz Krieger (einen Einblick in dieses Fotoarchiv gewährt der von Peter F. Kramml und Roman Straßl erarbeitete Fotoband) und die in der NS-Zeit verfasste offizielle Stadtchronik für die Jahre 1940 bis 1945. Das ebenfalls erhaltene Archiv des Architekten Otto Strohmayr gibt Einblick in nationalsozialistische Stadtplanung und Architekturfantasien.

Träger und MitarbeiterInnen
Ähnlich wie in der Stadt Linz, die ihre NS-Vergangenheit mustergültig aufgearbeitet hat, wird auch in Salzburg das Stadtarchiv mit der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Ära und ihre Folgeerscheinungen in der Stadt Salzburg beauftragt. Das Stadtarchiv Salzburg übernimmt für dieses Projekt die Federführung und widmet sich insbesondere der entsprechenden Sichtung und Aufbereitung der in Frage kommenden archivalischen Quellen.
Aufgrund der entsprechenden Fachkompetenz einiger externer WissenschafterInnen sind für Grundlagenarbeiten und die Bearbeitung der einzelnen Themenfelder auch externe Fachleute der Universität Salzburg und Regionalwissenschafter beizuziehen.

Zeitrahmen
Das Projekt wird auf mehrere Jahre angelegt, wobei Ergebnisse jeweils zwischenzeitlich präsentiert und auch publiziert werden sollen. Nach der internen und öffentlichen Vorstellung sollen ab 2009 jährliche Vortragsreihen im „Haus der Stadtgeschichte“ zu ausgewählten Themenschwerpunkten stattfinden, die jeweils im Folgejahr veröffentlicht werden sollen. Mit dem Jahr 2015 (70 Jahre Ende der NS-Herrschaft) ist der Projektabschluss vorgesehen.

Vortragsreihen, Workshops, Oral History Projekte und Publikationen
Um die Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren, den laufenden Arbeitsfortschritt zu dokumentieren und auch den wissenschaftlichen Diskurs voran zu treiben, ist ab 2009 die jährliche Abhaltung einer themenspezifischen Vortragsreihe im Haus der Stadtgeschichte mit einer entsprechenden Medienarbeit vorgesehen. Zur Projektvorbereitung und auch -begleitung sollen zudem Workshops abgehalten werden, um den internen wissenschaftlichen Austausch zu fördern und sich im workflow ergebende Fragestellungen zu bündeln.
Um auch das Mitteilungsbedürfnis interessierter Bevölkerungskreise zu kanalisieren und für das Projekt zu nutzen, wird ein ergänzendes „Oral-History-Projekt“ zum städtischen Alltag im Dritten Reich angedacht.
Den Themenschwerpunkten, die jährlich in den Vortragsreihen aufbereitet werden, sollen – wenn möglich bereits im Folgejahr – jeweils eigene Fachpublikationen gewidmet werden. Diese sollen in der Schriftenreihe des Archivs der Stadt Salzburg publiziert werden.

Vorarbeiten und Recherchen
Für die wissenschaftliche Aufarbeitung und Bewertung der NS-Ära wurden und werden im Haus der Stadtgeschichte bereits umfassende Vorarbeiten und Daten- sowie Materialsammlungen durchgeführt bzw. noch geleistet. Neben der Erstellung einer Bibliographie und Quellenübersicht sowie der Sammlung von Bilddokumenten (zuletzt etwa durch die Eingliederung und Publikation der Sammlung des Pressefotografen Franz Krieger) steht als Projekt auch die Erstellung einer Stadtchronik 1938 – 1945 in Form einer Datenbank an.
Zur Erfassung der Personen, die im Dritten Reich in der Stadt (und Gau) Salzburg wichtige Funktionen in allen Bereichen, von der Politik und Partei, Verwaltung, Justiz und Exekutive über Schule, Kunst und Kultur, Wirtschaft, Medizin, Kirche aber auch im Sport oder andere führende Aufgaben inne hatten, ist wird eine biografische Datenbank erarbeitet. Die Forschungsergebnisse sollen im Internet in Form eines Biografischen Lexikons, das nicht nur NS-Belasteten Personen, sondern auch Opfer und Gegner des Regimes umfasst, veröffentlicht werden.



www.stadt-salzburg.at
Stand: 3.3.2011, Johannes Greifeneder