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Von der Suche nach und dem Umgang mit „braunen“ Straßennamen

Projekt macht die Biographien der NamensgeberInnen transparent
 
Fr, 4. Mai 2018

In der Stadt Salzburg gibt es aktuell 1145 Straßen oder Plätze. 566 davon tragen Namen von Einzelpersonen – nur 37 davon sind Frauen. Die Biographien „hinter“ diesen 566 Straßennamen werden seit gut zwei Jahren gründlich erforscht – und gleichzeitig ist nach intensiven Beratungen ein Kriterienkatalog für den Umgang mit möglichen „braunen“ Straßennamen entstanden. „Die Stadt Salzburg ist sich bewusst, wie bedeutend Straßennamen für die lokale Erinnerungskultur sind. Wir müssen und werden uns der Vergangenheit stellen. Mit dem „Salzburger Modell“ realisieren wir ein im deutschsprachigen Raum viel beachtetes Projekt. Dabei ist uns ein wissenschaftlich-fundierter, transparenter Umgang mit NS-belasteten Straßennamen besonders wichtig. Nun liegt eine erste Liste mit Namen vor, die eingehend geprüft und danach bewertet werden. Arbeitsergebnisse werden laufend auf der Homepage der Stadt veröffentlicht. Ob es zu Umbenennungen kommt, wird nach Vorlage des Gesamtberichts des wissenschaftlichen Beirats im Gemeinderat entschieden. Davor werden wir sicher keine Umbenennungen auf Zuruf machen,“ beschreibt der ressortzuständige Vizebürgermeister Bernhard Auinger Ziele und Arbeitsgrundlagen des Projekts.

Begleitet wird das Projekt Straßennamen von einem wissenschaftlichen Fachbeirat. Seine Mitglieder sind:
Vorsitz: Mag. Ingrid Tröger-Gordon Leiterin Kulturabteilung Stadt Salzburg
Stellvertretender Vorsitz: Dr. Peter F. Kramml, Leiter Stadtarchiv
Dir. Mag. Dr. Oskar Dohle MAS, Salzburger Landesarchiv
Univ.-Prof. i. R. Dr. Ernst Hanisch, Universität Salzburg
Dr. Gert Kerschbaumer, NS-Experte
Univ.-Doz. Mag. Dr. Alexander Pinwinkler, Universität Salzburg
Mag. Dr. Sabine Veits-Falk , Historikerin Stadtarchiv
Mag. Thomas Weidenholzer, Historiker Stadtarchiv

Information zu Straßennamen: Das „Salzburger Modell“
• Informationen über alle StraßennamengeberInnen
• Informationen auf 3 Ebenen
• Höchstmaß an Transparenz – Forschungen und Ergebnisse sind unmittelbar zugänglich
• Kommuniziert reflektierten Umgang mit Thematik
• Sukzessive Realisierung nach Stadtteilen
o 2015: 24 Tafeln für Linke Altstadt
o 2016: 35 Tafeln für Rechte Altstadt
o 2017: 41 Tafeln für Stadtteil Aigen
Bisher 101 Tafeln errichtet (66 montiert).
„Im Vergleich mit anderen österreichischen und deutschen Städten ist das „Salzburger Modell“ der Erläuterungstafeln etwas Einzigartiges und wird in Fachkreisen stark beachte“, berichtet Historikerin Sabine Veits-Falk vom Stadtarchiv. „Die Aufbereitung auf drei Ebenen sichert maximale Transparenz, bei der auch die „dunklen Flecken“ einer Biographie nicht verschwiegen werden. Bei Personen, die stark das NS-System verstrickt waren, gibt es noch eine wissenschaftlichen Text auf der NS-Homepage.“

Info-Ebene 1: Text auf der Erläuterungstafel in der jeweiligen Straße vor Ort
Die Texte haben einen Umfang von bis zu 200 Zeichen und enthalten Angaben zu Lebensdaten, Beruf und Funktion der namengebenden Person sowie Hinweise auf besondere Verdienste, v. a. für Salzburg.
Die Texte werden vom Stadtarchiv ausgearbeitet und von einem Fachbeirat für personenbezogene Straßennamen begutachtet, diskutiert und abgestimmt.
Bei NS-verstrickten Personen entscheidet der Fachbeirat, welcher Kategorie von „Belastung“ die Person zugeordnet wird.

Da die Salzburger Erläuterungstafeln nicht wie in anderen Städten so wie Hausnummern oder Straßennamen-Schilder Bestandteil des Baupolizeigesetzes sind, können sie nach einem dem Corporate Design der Stadt Salzburg angepassten, optisch ansprechenden Muster gestaltet werden. Die Anbringung an öffentlichen bzw. privaten Gebäuden oder Standorten gestaltet sich dadurch jedoch aufgrund zivil-, bau-, und verkehrsrechtlicher Fragen wesentlich komplexer, als wenn eine Zusatztafel nur ober- oder unterhalb eines Straßennamen-Schilds montiert wird. Die Tafeln enthalten auch einen Hinweis auf die Darstellung im Internet.

Info-Ebene 2: Informationstext auf der Website der Stadt Salzburg im digitalen Stadtplan unter wwww.stadt-salzburg.at/strassennamen
Diese Texte enthalten Angaben zur Lage und zum Verlauf der Straße, das Benennungsdatum sowie weiterführende Informationen über Namensgeber/innen bzw. zu den Orten, Personengruppen, Tieren oder Pflanzen, nach denen die Straße benannt ist.
Die biografischen Porträts werden laufend überarbeitet und ergänzt. Bei NS-belasteten Namensgeber/innen werden an dieser Stelle die Forschungsergebnisse zur NS-Zeit prägnant zusammengefasst. Ebenso werden nicht die NS-Zeit berührende negative Charakteristika hier thematisiert, darunter z. B. Militarismus, Frauenfeindlichkeit, religiöse Intoleranz, Antisemitismus usw.
Sofern vom betreffenden Straßennamen bereits eine Erläuterungstafel existiert, wird deren Inhalt auf Deutsch und auf Englisch angeführt.

Info-Ebene 3. Wissenschaftlicher Text auf der Homepage des NS-Projekts
Bei Personen, die in das NS-Regime stark involviert waren, wird auf der Homepage des NS-Projekts deren Leben und Wirken mit besonderer Berücksichtigung der NS-Zeit mit Quellen- und Literaturangaben dargestellt.
Wenn sich aus den laufenden Forschungen neue Erkenntnisse ergeben, wird der Text umgehend aktualisiert.

Kriterien und Kategorien für Straßennamen nach NS-belasteten Personen
Die mahnende Erinnerung an die NS-Zeit spielte nach 1945 bei Straßenbenennungen – abgesehen von einer kurzen Phase nach Kriegsende – keine Rolle. Bis in die 1980er Jahre legten Stadtregierung und Gemeinderat andere politische und moralische Maßstäbe an, denen zufolge es offensichtlich unhinterfragte Praxis war, Straßen auch nach NS-belasteten Personen zu benennen. Es fehlte zudem das Bewusstsein, für einen Namensvorschlag den gesamten Lebenslauf zu berücksichtigen. Darüber hinaus ermöglichten erst die Öffnung der Archive und wissenschaftliche Forschungen der letzten Jahre das – oft bewusst verschwiegene oder geschönte – Handeln der Menschen im Nationalsozialismus umfassender zu rekonstruieren. Peter F. Kramml, Leiter des Stadtarchivs / Haus der Stadtgeschichte: „Die Stadt Salzburg hat ihre NS-Vergangenheit in den letzten zehn Jahren umfassend aufgearbeitet. Das Projekt wird österreichweit viel beachtet. Zum Abschluss wenden wir uns den NS-belasteten NamensträgerInnen zu, wobei jene zusätzlich zu erforschen sind, die erst nach 1945 nach Salzburg kamen und daher bis jetzt nicht im Fokus stehen konnten.“
Im Lichte der aktuellen Recherchen würden heute etliche Verkehrsflächen in der Stadt Salzburg nicht mehr nach Personen benannt werden, die eine enge Verbindung zum NS-Regime aufwiesen. Dies bedeutet jedoch im Umkehrschluss nicht, dass alle diese Straßen umbenannt werden sollten.
Der Fachbeirat für Straßennamen sieht es als seine Aufgabe an, basierend auf wissenschaftlichen Biografien von NS-belasteten Straßennamensgeber/innen, die vom Stadtarchiv Salzburg erarbeitet werden, der Politik Entscheidungshilfen für weiterführende Maßnahmen zu geben.

In die Bewertung der Personen sind im Verhältnis zur Gesamtbiografie
• die Haltung und Äußerungen zum Nationalsozialismus und der Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit nach 1945 sowie
• besondere Verdienste und/oder überregionale Bedeutung für die Stadt Salzburg
miteinzubeziehen.

Folgende Kriterien dienen zur Beurteilung und Einordnung gravierender Fälle, die intensiverer Diskussion bedürfen:
1. Verantwortung für physisches und/oder psychisches Leid im Sinne von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (§ 321a Strafgesetzbuch) und/oder Kriegsverbrechen
2. Beteiligung an verbrecherischen Handlungen wie Zerstörungen, Plünderungen oder Vermögensentzug (Enteignung, „Arisierung“, Kunstraub etc.)
3. Propagierung der NS-Ideologie (besonders Antisemitismus, Rassismus etc.) und/oder intensive Förderung des Regimes von führender (politischer, künstlerischer, wirtschaftlicher bzw. wissenschaftlicher) Position aus.
Nach Berücksichtigung dieser Kriterien und Bewertungen werden NS-belastete Personen, nach denen Straßen benannt sind, nach drei Kategorien klassifiziert:

Kategorie 1: Das Ausmaß der NS-Verstrickung ist im Verhältnis zur Gesamtbiografie nicht derart gravierend, dass diese im Kurztext der Erläuterungstafel angeführt, sondern nur auf der Website der Stadt Salzburg im Eintrag im digitalen Stadtplan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) und im Fall von wissenschaftlichen Neuerkenntnissen zur Person in der NS-Zeit auf der NS-Homepage thematisiert wird.

Kategorie 2: Die NS-Belastung wird auf der Erläuterungstafel angeführt, auf der Website der Stadt Salzburg im Eintrag im digitalen Stadtplan (www.stadt-salzburg.at/strassennamen) ausführlich erläutert und auf der Website des NS-Projekts der Stadt Salzburg (www.stadt-salzburg.at/ns-projekt) wissenschaftlich fundiert dargestellt.

Kategorie 3: Aufgrund der gravierenden NS-Verstrickung besteht Diskussionsbedarf für die politischen Entscheidungsträger, ob mit einer Erläuterungstafel das Auslangen gefunden wird oder eine Umbenennung in Erwägung gezogen werden soll. Unabhängig davon wird die NS-Belastung auf einer Erläuterungstafel, im digitalen Stadtplan und auf der NS-Homepage ausgeführt.

Die Suche nach „braunen“ Straßennamen
„Die Arbeit des Fachbeirates reicht über die Bewertung der NS-belasteten Personen als Träger von Straßennamen in der Stadt Salzburg hinaus. Sie ist durch die wissenschaftliche Erforschung der Biografien ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Stadt im 20. Jahrhundert“, umreißt Univ.-Prof. Ernst Hanisch das Prinzip bei der aktuellen Forschungsarbeit an den Salzburger Straßennamen. „Zu Beginn mussten jene Personen eruiert werden, die in der NS-Zeit gelebt haben und nach denen eine Straße in der Stadt Salzburg benannt ist“, so der Historiker Johannes Hofinger, der seit 2017 die Einstellung der StraßennamensgeberInnen zum Nationalsozialismus und ihr Verhalten in der NS-Zeit recherchiert. Das Ergebnis dieser ersten Erhebung ist eine Liste mit 200 Namen. Diese überprüft Hofinger in den NS-Registrierungsakten des Stadtarchivs Salzburg bzw. des Salzburger Landesarchivs sowie in den Volksgerichtsakten im Oberösterreichischen Landesarchiv, er sucht nach Einträgen in der Zeitungsdokumentation des NS-Projekts der Stadt Salzburg sowie in den online zugänglichen österreichischen Zeitungen jener Jahre und er durchforstet Bibliotheks- und Nachlassverzeichnisse. Ein externer Experte in Berlin sichtet zeitgleich die Bestände des dortigen Bundesarchivs, wo vor allem die Kartei der NSDAP-Mitgliedschaft von Bedeutung ist, aber auch Akten der SS, der Reichskulturkammer, des NS-Lehrerbundes etc. wichtige Informationen zu Tage fördern.
Aufgrund dieser umfassenden Recherchen konnte bislang bei annähernd 50 Personen der Liste eine Parteimitgliedschaft oder -anwärterschaft bestätigt werden, für weitere rund 15 StraßennamensgeberInnen wurden intensive Beziehungen zum NS-Regime, jedoch keine NSDAP-Mitgliedschaft eruiert.
„Die öffentliche Debatte ist seit Jahren auf den Bildhauer Josef Thorak zugespitzt, mit ihm habe ich mich daher im letzten Jahr intensiv beschäftigt“, so Hofinger. Ergebnis ist eine über 60 Seiten umfassende Studie, die auf der NS-Homepage der Stadt online verfügbar ist. Aufgrund zum Teil erstmals ausgewerteten Quellenmaterials finden sich darin viele neue Erkenntnisse, sie betreffen beispielsweise den Weg der Statuen Paracelsus und Kopernikus in den Kurpark, die rückdatierte Aufnahme des Künstlers in die NSDAP, den Kauf des „arisierten“ Schlosses Prielau, die Vorwürfe rund um die archivalisch nicht belegbare Ausnutzung von Zwangsarbeitern aus dem KZ Dachau durch Thorak für private Aufträge und den Status der Grabstätte in St. Peter, die weder in der NS-Zeit noch danach als Ehrengrab geführt wurde.
Neben der Auswertung des rund 800 Seiten umfassenden Spruchkammerverfahrens gegen den hochrangigen NS-Künstler rekonstruiert Hofinger erstmals die halbherzige strafrechtliche Verfolgung Thoraks durch die österreichischen Behörden nach 1945 und die Unterstützung von Landeshauptmann Klaus bei der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft für den Bildhauer. „Es geht in diesem Projekt nicht um die Reinwaschung einzelner Personen. Vielmehr müssen wir aufgrund unserer Ersterhebung bei mehr als 60 Personen einen sehr genauen und kritischen Blick auf ihre Biografien werfen, um uns überhaupt ein Bild der Gesamtsituation machen und alle relevanten Fälle benennen zu können. Dies lehrt uns das Beispiel Resatz ganz klar“, so der Historiker. Der Wiener Bildhauer Gustav Resatz war bereits 1931 der NSDAP beigetreten und auch in den Jahren des Parteiverbots aktiv politisch tätig. In der NS-Zeit trat er propagandistisch als Leiter mehrerer Puppenspielbühnen und einer Werkschule für Kriegsversehrte in Niederösterreich in Erscheinung. In seinen Publikationen finden sich wiederholt Rassismen und antisemitische Ausfälle. Der Strafverfolgung nach 1945 konnte sich Resatz durch Zonenwechsel und Verschiebung von Verhandlungsterminen mehrfach erfolgreich entziehen, bis er schließlich zu Beginn der 1950er Jahre amnestiert wurde. Danach erst übersiedelte er in die Stadt Salzburg, wo vermutlich nur wenige von seiner Vergangenheit wussten. Hier starb Resatz im November 1962. Der Gemeinderat beschloss 1971 die Benennung der Resatzstraße im Stadtteil Aigen.



Die Liste von Straßennamen mit möglichem NS-Bezug


www.stadt-salzburg.at
Team Straßennamen-Projekt Team Straßennamen-Projekt
© Honorarfreies Pressebild: Stadt Salzburg / Doris Wild
Stand: 4.5.2018, Johannes Greifeneder