Einmal tätscheln bringt Glück - und das nächste Mal eine Anzeige

Ninia LaGrande

„Was mache ich, wenn mich das nächste Mal jemand fotografiert, ohne dass ich das möchte?“ fragt mich die junge Frau vor dem Hoteleingang. Es ist Himmelfahrt und damit jährliches Kleinwuchstreffen. Ich habe gerade den Eröffnungsvortrag gehalten und passe jetzt auf, dass das Kind beim Ausprobieren der kleinen Fahrräder nicht auf die Fresse legt – oder puste, wenn es schon längst zu spät ist. Die Frau steht vor mir und ich weiß genau, welche Gefühle in dieser Frage liegen. Was mache ich, wenn mich das nächste Mal jemand fotografiert, ohne dass ich das möchte? „Als mir das das erste Mal passiert ist, bewusst das erste Mal“, erzähle ich ihr, „war ich sechzehn und auf der Tanzfläche des Jolly Joker in Braunschweig. Wie das Wort Tanzfläche schon vermuten lässt, wollte ich einfach nur tanzen und auf einmal sagte meine Freundin entsetzt, der Typ dahinten fotografiert dich gerade, glaube ich. Ich habe mich umgedreht und tatsächlich. Mit einem Handy, das man heute als Fossil bezeichnen würde, stand er da, lachte mit seinen Kumpels und fotografierte mich. Und ich weiß nicht, woher dieser Mut kam, aber ich ging auf den Typen zu und schlug mit einer Wucht, die sogar mich überrascht hat, das Handy zu Boden. Er schaute mich nur entsetzt an und stammelte sowas wie, ey, und ich blitzte ihn an und zischte, wenn du dich jetzt noch traust, dich darüber zu beschweren, haben wir zwei ein riesiges Problem. Und dann bin ich wieder gegangen.“ Die Frau, die mir die Frage gestellt hat, starrt mich an. „Bei den Preisen der heutigen Telefone, würde ich das auch nicht mehr machen“, lache ich. Wir sind beide frustriert. Darüber, dass Menschen sich das Recht herausnehmen, uns ungefragt zu fotografieren – und diese Bilder teilweise sogar ins Netz zu stellen, unter einschlägigen Stichworten wie Liliputaner oder Zwerg. „Du kannst es nicht verhindern“, sage ich, „du kannst die Leute höchstens fragen, warum sie das tun – manche sind dann schon allein von der Tatsache, dass du reden kannst, so überrascht, dass sie sich entschuldigen, manche sind aber auch einfach scheiße, so ist das im Leben.“ Mir selbst passiert diese Situation ungefähr alle paar Wochen mal. Zumindest so, dass ich es mitbekomme. Ganz oft habe ich dann keine Lust auf eine Auseinandersetzung. Und so schwirren irgendwo Fotos von mir herum, die einzig und allein dem Beweis dienen, einen kleinen Menschen gesehen zu haben.

Vor wenigen Wochen war ich auf dem Punk in Drublic Festival bei Faust. Endlich wieder Festival, ein Punkfestival mit gealterten Männern auf der Bühne und gealterten Festivalbesuchern vor der Bühne und ich, die richtig Bock hatte und dann doch wieder die Erfahrung machen musste, dass auch gealterte Festivalbesucher – und dieser Begriff ist bewusst nicht gegendert – keinen Maßstab für Respekt und Übergriffigkeiten haben. Während ich in der Menge stehe und nur der Musik lauschen will, gehen im Laufe des Abends vier Männer an mir vorbei, bleiben stehen und tätscheln mir liebevoll den Kopf. Danach grinsen sie und gehen weiter. Ich komme mir vor, wie der goldene Zwerg auf dem Gelände, der schon eine ganz glänzende Stelle an der Stirn hat, weil alle mal rubbeln wollen, um was vom Glück abhaben zu können.

Ich bin jeden Tag Anwältin in eigener Sache. Manchmal mehr, manchmal weniger, aber ich habe nie die Möglichkeit, in einer Masse unterzugehen. Auch, wenn man mir das größentechnisch durchaus zutrauen würde – ich bin vielleicht nicht zu sehen, aber ich steche immer heraus. Immer muss ich mich erklären, für meine eigenen Rechte und den Respekt vor mir einstehen. Ich soll aufklären und Barrieren aufzeigen und für mich bist du gar nicht behindert als Kompliment sehen. Ich will nicht groß sein. Aber ich würde gerne mal mit 1,75 m Körpergröße auf ein Festival fahren und sonst nix. Einfach nur das. Dort sein und stehen, ohne dass fremde Leute mit mir anstoßen, meinen Kopf tätscheln oder Fotos von mir machen, als wäre ich die fucking Freiheitsstatue von Liliput. Bis 1996 gab es im Holidaypark in Rheinland-Pfalz ein Dorf mit kleinwüchsigen Menschen. Die Leute haben dort in kleinen Wohnwagen gelebt und die Besucher*innen des Freizeitparks konnten dort vorbeilaufen, in die Wagen reinschauen und sich mal anschauen, wie die kleinen Leute eben so leben. In einem Internet-Forum wird der Besuch des Parks empfohlen, weil man dort mal Kleinwüchsige in echt sehen kann – nur, Zitat, dass der Park auch ein Delfinarium hat, wo die Delfine gefangen sind, das wäre vielleicht nicht so gut. Wir haben jetzt 2019 und ich habe sehr oft das Gefühl, eine Attraktion in meinem eigenen Holidaypark namens Alltag zu sein.

Am zweiten Tag des Kleinwuchsforums stehe ich mit einer der Organisatorinnen auf dem Hof und sie erzählt, wie sich letztens im Supermarkt ein alter Herr darüber gefreut habe, endlich mal wieder einen „Liliputaner“ zu sehen. Früher seien „Liliputaner“ seine Spezialität gewesen – und man weiß nicht so genau, ob er von einer Mahlzeit, einem Besuch im Bordell oder einer Tätigkeit als Mediziner spricht – und nun habe er ewig niemanden mehr gesehen. Sie habe seinen Tag jetzt sehr schön gemacht.

Sie hat ihn reden lassen. Das ist ja auch ein Talent – Menschen einfach durch Anwesenheit glücklich zu machen.

 

Drei Handlungsanweisungen für den Sommer, den Herbst – und die Zeit danach:

  1. Nennt kleinwüchsige Menschen nicht Liliputaner. Nennt sie bei ihrem Namen.
  2. Tätschelt ihnen nicht den Kopf, sondern werft lieber eine Münze in den verdreckten Brunnen am Lindener Markt – das bringt genauso viel.
  3. Habt Respekt.