Fragile Kunst: EU-Projekt zum Schutz wertvoller historischer Tapeten

22.11.2006


Kooperation internationaler Restaurierungsexperten im Schloss Hellbrunn/Salzburg (AT) gestartet - Schätzler Palais/Augsburg (DE), Temple Newsam House/Leeds und Harewood House/Yorkshire (UK) beteiligt

Was haben Allyson McDermott, Monika Schneidereit-Gast, Susanne Rödel-Strobl und Markus Klasz gemeinsam? Sie sind international anerkannte Experten in Sachen Konservierung und Restaurierung wertvoller historischer Tapeten. Vielen dieser prachtvollen aber fragilen Kunstwerke droht der Zerfall. Ihre dauerhafte Erhaltung ist schwierig. Im kürzlich in Hellbrunn gestarteten EU-Projekt „Historic Wallpapers“ werden historische Tapeten in vier europäisch bedeutenden Bauwerken in Österreich, Deutschland und Großbritannien restauriert - und dabei exemplarische Arbeit geleistet.

Chinesische Tapeten in Hellbrunn

„In der Barockzeit war es für ein herrschaftliches Haus eine absolutes ‚Muss’ einen chinesischen Salon mit Tapeten zu besitzen“, erklärt Projektleiter Markus Klasz. Jene im Schloss Hellbrunn in Salzburg seien eigens für den Export nach Europa im 17. Jahrhundert gefertigt worden. Es handelt sich um sehr kunstvoll handbemalte Papierbahnen mit Darstellungen von Vögeln, Schmetterlingen, Blumen und Bäumen. Die Tapeten wurden damals von den Ost-Indien Handelskompanien nach Europa verschifft und zu unglaublich hohen Preisen verkauft.

Klasz: „Die chinesischen Tapeten in Hellbrunn sind besonders frühe Zeugnisse dieser Mode und zeichnen sich durch gediegene Ausführung aus.“ Was er bereits herausgefunden hat: „Die Tapeten müssen zuvor an einem anderen Ort montiert gewesen sein.“ Wie sie nach Hellbrunn gelangt sind, ist noch unklar.

Wie bei derart kostbaren Stücken üblich, wurden die Tapeten nicht direkt auf die Wand geklebt, sondern auf gespannte Leinwände montiert. Bei einer ungeschickten Restaurierung in den 1950-er Jahren wurde Zeitungspapier als Makulatur verwendet. „Dieses Zeitungspapier, auf dem die wertvollen Tapeten kleben, verursacht nun gravierende Probleme“, so der Fachmann. Es sei extrem sauer geleimt und holzhältig (Lignin). Das führt dazu, dass das Papier der Tapete stark bräunt, die Fasern brechen - und sie letztlich zerbröselt. Daneben weise die Tapete konventionelle Schäden wie Risse, Fehlstellen oder Wasserränder auf. Durch die starke Lichteinstrahlung sind die organischen Farbstoffe verblasst.

Napoleons Armee bald wieder im Schätzler Palais

Aktuell leider nicht im Schätzler Palais in Augsburg zu sehen ist die große französische Tapete von ca. 1830, die Napoleons Armeen in Italien zeigt. „Les Campagnes des Armées Français en Italie“ ist der Titel des Werkes von J. Dufour + Leroy aus Paris. Diese Art der szenischen Tapetendarstellungen kam am Beginn des 19. Jahrhunderts in Mode. Das Kunstwerk musste wegen Umbauten und seines schlechten Zustands abgenommen werden: „Die Tapete war über die Zeit mehrfach schwer beschädigt, schlecht restauriert und übermalt worden“, erläutern die Restauratorinnen Monika Schneidereit-Gast und Susanne Rödel-Strobl. Nach fachgerechter Erneuerung werde die Tapete in altem Glanz an originaler Stelle wieder die BesucherInnen erfreuen.

Tapeten in Temple Newsam House & Harewood House

„Das Temple Newsam in Leeds ist ein besonderes wichtiges Beispiel eines ‚Jacobean country house’“, betont Allyson McDermott. Sie hat viele Jahre mit Anthony Wells Cole in Sachen Konservierung und Erneuerung historischer Tapeten mit original Materialien und Techniken gearbeitet. Das Kuratoren-Team beabsichtigt im Temple Newsam House die komplette Inneneinrichtung mit Originalen und Rekonstruktionen wiederherzustellen.

Im vielbesuchten Harewood House in Yorkshire wurde kürzlich in einer Scheune eine wertvolle chinesische Wandtapete entdeckt. Sie ist leider in einem sehr schlechten Zustand. Nachforschungen haben ergeben, dass sie einst in den 1770-er Jahren von Thomas Chippendale im Haus aufgehängt worden war. Im Rahmen des EU-Projektes wird die Tapete nun komplett restauriert und dem Publikum wieder zugänglich gemacht.

Wie wird restauriert?

Grundsätzlich werden die Tapeten zur Restaurierung abgenommen und in Spezialwerkstätten gebracht. Jene von Hellbrunn wird vom Zeitungspapier abgelöst und mit einem wässrigen Verfahren entsäuert. Nach Behebung der mechanischen Schäden wird sie auf einen so genannten Shoi aufgezogen. Dabei handelt es sich um ein mit vielen Lagen Papier bespanntes Holzgitter. „Wir machen uns damit in China und Japan Jahrhunderte lang erprobtes Wissen zunutze“, sagt Projektleiter Markus Klasz. Diese Methode wurde eigentlich für Paravents und Papierwände entwickelt. Durch die in die Papierlagen integrierten Lufttaschen könne sich die Tapete je nach Feuchtigkeit problemlos an- und wieder ausspannen. Zuletzt werde sie retuschiert und der Raum - wo sie aufgehängt wird – werde mit UV-Schutz versehen. Arbeitsdauer: ca. fünf Monate. Kosten: rund 80.000 Euro. Die Restaurierungsarbeiten in Hellbrunn finden übrigens in engster Abstimmung mit dem Landeskonservatorat Salzburg und den Werkstätten Kunstdenkmale des Bundesdenkmalamtes statt.

Im Unterschied zu Hellbrunn werden die Tapeten in England auf Leinwand, jene von Augsburg auf Tafeln aus Archivwellpapper montiert. In beiden Ländern belaufen sich die Kosten ebenfalls auf je 80.000 Euro.

Weitere Ziele von „Historic Wallpaper“

Das Projekt „Historic Wallpaper“ endet im September 2007 in Wien mit einem eigenen „Tapetentag“ beim Kongress der IADA (Internationale Arbeitsgemeinschaft der Archiv-, Bibliotheks- und Grafikrestauratoren). Hier werden die Ergebnisse den rund 350 anwesenden Fachkonservatoren aus 20 Ländern vorgestellt.

Denn, so Markus Klasz: „Die Bedeutung der Tapeten als kunstgeschichtliche Zeitzeugen wird immer noch unterschätzt. Es existieren noch keine geeigneten internationalen Standards zur Erfassung, Beschreibung und Konservierung. Das macht es für die Denkmalpflege so schwierig, Tapeten zu datieren und ihre kulturgeschichtliche Bedeutung zu bewerten...“


Rückfragen:
Mag. Markus Klasz
co. Institut für Papierrestaurierung
Schloß Schönbrunn, Finsterer Gang 71, 1130 Wien (Vienna)
tel. +43 (0)1 8178664 14, mobil: +43 (0)699 11117503
markus.klasz@papier-restaurierung.com, www.papier-restaurierung.com

Wertvoller historischer Schatz.
Wertvoller historischer Schatz.
Die Tapeten im chinesischen Zimmer des Schlosses Hellbrunn müssen restauriert werden.

Schupfer, Karl, Mag. (12112)