Obdachlose nahmen Service an: Winterquartier Mülln hat sich bewährt

02.04.2008


In der Stadt Salzburg muss niemand erfrieren: 49 Menschen nutzten das niederschwellige Angebot für insgesamt 685 Nächtigungen

„Für Salzburg war es wichtig, ein Zeichen zu setzen: Bei uns gibt es eine Einrichtung, die dafür sorgt, dass keiner über Nacht erfrieren muss! Ich freue mich, dass wir hier einen parteiübergreifenden Konsens für eine Menschengruppe erreichen konnten, die politisch keine Lobby hat. Das Quartier wird daher auch im nächsten Winter zur Verfügung stehen“, kündigte Bürgermeister Schaden bei einem Mediengespräch am Mittwoch, 2. April 2008, an. Und Schaden betonte: „Wir haben uns mit dem Winterquartier Mülln auf Neuland gewagt und hatten Erfolg. Gerade weil es dort keine der andernorts üblichen Zugangsbeschränkungen für Obdachlose gibt, wurde dieses Angebot der Stadt gut angenommen. Es gab kaum Probleme.“

Seit 31. März ist das Winterquartier in der Müllner Hauptstraße geschlossen. Es diente einzig dem Zweck, obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit über Nacht vor dem Erfrierungstod zu schützen. Das ist gelungen. 49 verschiedene Personen nutzten das niederschwellige Angebot für insgesamt 685 Nächtigungen (Jänner: 181; Februar: 226; März: 278). Der stärkste Besuch, des für 25 Personen ausgelegten Hauses, fand am 6. März mit 15 Menschen statt. Durchschnittlich übernachteten in den genannten Monaten 7,5 Personen pro Nacht. Es waren - mit ganz wenigen Ausnahmen - ausschließlich Männer. Hunde wurden nur drei verzeichnet.

Akzeptanz fand das seit Weihnachten 2007 täglich von 18 bis 9 Uhr geöffnete Haus vor allem Dank seiner Freiheiten. So war etwa die Mitnahme von Hunden oder Alkohol erlaubt. Sozialarbeiterische Betreuung gab es keine. Auch keine Ausspeisung. Einzig Portier bzw. ÖWD-Mitarbeiter in Zivil kontrollierten die Einhaltung der Hausordnung (siehe Beilage).

80.000 € für Infrastruktur und Aufsicht

„Wir haben rund 80.000 € in die Adaptierung des Hauses, in Infrastruktur wie Matratzen oder Beißkörbe sowie in Reinigung und ÖWD-Aufsicht investiert“, sagte Schaden. Eine den fachspezifischen Organisationen (Soziale Arbeit GmbH, Neustart, Caritas) angebotene Betriebsführung sei von diesen wegen der bewusst freizügig gewählten Niederschwelligkeit des Konzepts abgelehnt worden. Dass die Stadt hier unprofessionell und zu sicherheitsriskant agiere, so der Vorwurf, habe sich aber ganz offensichtlich nicht bewahrheitet.

Schaden: „Freilich gab es hin und wieder Reibereien und kleinere Tätlichkeiten. Alles in allem konnten die ÖWD-Mitarbeiter aber immer rasch schlichtend bzw. helfend eingreifen. Hausverbote mussten von ihnen nur kurzfristig und vorübergehend ausgesprochen werden.“

Stellungnahmen der Fraktionen

Klubvorsitzende Christine Homola (SP): Aus Sicht der Sozialdemokratie bin ich froh, dass es gelungen ist, für die besonders benachteiligten, obdachlosen Menschen eine niederschwellige Einrichtung wie das Winterquartier zu schaffen. Ganz besonders wichtig war uns dabei, dass die Einrichtung möglichst einfach und ohne strenge Auflagen zugänglich ist. Nur so war es möglich, diese spezielle Gruppe von Obdachlosen auch wirklich zu erreichen. Damit konnte ein zusätzliches Angebot für Obdachlose in der Stadt geschaffen werden. Es freut mich daher, dass auch für den kommenden Winter das Winterquartier wieder zur Verfügung steht.

Klubobfrau Claudia Schmidt (VP): Salzburg ist eine der wohlhabendsten Städte der Welt. Wir dürfen es daher nicht zulassen, dass Menschen im Winter kein Dach über dem Kopf haben oder zu erfrieren drohen. Uns ist natürlich bewusst, dass das niederschwellige Angebot, mit dem wir dessen Akzeptanz steigern wollen, für die Anrainer auch problematisch werden kann. Es ist uns daher besonders wichtig, dass ein störungsfreies Zusammenleben im Einvernehmen mit den Anrainern statt findet. Anrainerinformation ist für uns daher unabdingbar für ein wichtiges Projekt wie dieses.

Klubobfrau Doris Tazl (F - Liste Tazl): Es war wichtig und notwendig, endlich diese Notschlafstelle für Obdachlose in der Stadt Salzburg einzurichten. Die Erfahrungen aus den letzen Monaten haben bestätigt, dass eine derartige Anlaufstelle dringend gebraucht wird. Die Initiative der Stadt, wo obdachlose Menschen ein niederschwelliges Angebot nutzen können, um die kalte Jahreszeit zu überstehen, war längst überfällig. Um die alljährlichen Diskussionen zu beenden, haben wir uns entschlossen, dieses Haus auch in den kommenden Wintermonaten wieder für die Obdachlosen zur Verfügung zu stellen. Jeder Euro in dieses Projekt ist gut investiert!

Sozialausschuss-Vorsitzende Ulrike Saghi (BL): Sowohl 2006 als auch 2007 habe ich mit Anträgen auf die Notwendigkeit einer zeitgerechten Planung für ein Winternotprogramm für obdachlose Menschen aufmerksam gemacht. Damals hat sich die Stadt mit dem Verweis auf bestehende Einrichtungen aus der Verantwortung gezogen. Im vergangenen Winter konnte den obdachlosen Mitmenschen eine Einrichtung angeboten werden. Wie in anderen Großstädten wird damit allerdings nur gewährleistet, dass in unserer Stadt niemand erfrieren muss. Nach wie vor fehlt jedoch ein professionell geführtes Angebot für den Aufenthalt von Menschen ohne Unterkunft während des Tages, wie es beispielsweise die GRUFT in Wien anbietet.

Meine Forderung bleibt, wie in meinen Anträgen formuliert, eine Einrichtung, die neben einer Schlafmöglichkeit außerdem Essensausgabe, Sanitäranlagen, Waschmöglichkeiten, Kleiderausgabe, sozialarbeiterische Betreuung, medizinische Betreuung und Postadresse anbietet. Diese Einrichtung ist dabei so niederschwellig wie möglich zu halten. Besonderes Augenmerk ist auf die Zunahme der Obdachlosigkeit bei Frauen zu legen. Ein zu erarbeitendes Betreuungskonzept muss hier ein geschlechtsspezifisches Angebot anbieten und im Budget für 2009 muss dementsprechende finanzielle Vorsorge getroffen werden.

Schupfer, Karl, Mag. (12112)