Ergebnisse des European Homelessness Count 2025 für die Stadt Salzburg

V.l.n.r.: Bürgermeister-Stellvertreter Kay-Michael Dankl, Lara Simonitsch (Mitarbeiterin Büro Bgm.-Stv. Dankl), Torsten Bichler (Bereichsleiter Soziale Arbeit, Beschäftigung & Solidarität; Caritas Salzburg), Samuel Kok (VinziDach), Anna Schattauer (Frauenberatung), Gustav Holzner (Forum Wohnungslosenhilfe), Petra Geschwendtner (Soziale Arbeit GmbH), Peter Linhuber (Forum Wohnungslosenhilfe Salzburg), Philipp Schnell (Institut für Stadt- und Regionalforschung, ÖAW)
Die Ergebnisse dieser von der KU Leuven europaweit organisierten Erhebung zeigen, wie viele Menschen in der Stadt Salzburg obdach- oder wohnungslos sind. Zum Stichtag 1. Oktober 2025 wurden insgesamt 910 Personen erfasst. Besonders sichtbar wird dabei verdeckte Wohnungslosigkeit: 341 Menschen kamen bei Familie, Freund:innen oder Bekannten unter. 202 Personen übernachteten im öffentlichen Raum.
Im Oktober 2025 nahm die Stadt Salzburg gemeinsam mit dem Forum Wohnungslosenhilfe Salzburg und dem Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften am European Homelessness Count teil. Dieses von der EU geförderte Forschungsprojekt umfasste 35 Städte aus europäischen Ländern. In die Auswertung flossen 910 gültige Datensätze von Personen ein, die in der Stadt Salzburg als obdach- oder wohnungslos erfasst wurden. Erstmals lassen sich die Salzburger Zahlen damit nach dem einheitlichen europäischen Standard ETHOS Light lesen und mit Daten anderer teilnehmender Städte in Beziehung setzen.
910 Personen, sechs Lebenslagen
Die ETHOS-Light-Klassifikation unterscheidet sechs Formen von Obdach- und Wohnungslosigkeit: vom Schlafen im öffentlichen Raum (ETHOS Light 1) über Notschlafstellen (ETHOS Light 2), Übergangswohnungen (ETHOS Light 3) und öffentliche Institutionen (ETHOS Light 4) bis zum Unterkommen bei Bekannten oder Verwandten (ETHOS Light 6). In der Salzburger Erhebung verteilen sich die 910 Personen auf alle sechs Kategorien: 341 Personen (37 Prozent) sind bei Familie, Freund:innen oder Bekannten untergekommen, 202 Personen (22 Prozent) im öffentlichen Raum, 129 in Übergangswohnungen, 121 in Notschlafstellen, 60 in öffentlichen Einrichtungen sowie 57 in unsicheren oder inadäquaten Wohnformen (ETHOS Light 5). Zusätzlich wurden 40 mitziehende Minderjährige im Gesamtdatensatz dokumentiert. 452 Personen entfallen auf die ETHOS-Light-Kategorien 1 bis 3, also auf jene Formen, die international als Obdach- und Wohnungslosigkeit im engeren Sinn gelten. Innerhalb dieser Untergruppe wurden 20 mitziehende Kinder erfasst.
„Das Forum Wohnungslosenhilfe erhebt den Wohnbedarf in Salzburg seit vielen Jahren. Neu ist, dass diese Daten nun erstmals auch nach einem europaweit vergleichbaren Standard ausgewertet werden können. Für die Stadt ist das eine wichtige Grundlage, um wohnpolitische Maßnahmen gezielt weiterzuentwickeln“, sagt Bürgermeister-Stellvertreter Kay-Michael Dankl, ressortzuständig für das Thema Wohnen.
Eine wichtige Basis für den European Homelessness Count in Salzburg war die bestehende Wohnbedarfserhebung des Forums Wohnungslosenhilfe Salzburg. Sie wird seit 1995 jährlich durchgeführt und erfasst Obdach- und Wohnungslosigkeit im gesamten Bundesland. Für die Erhebung 2025 wurde der bestehende Fragebogen erweitert: Neben der bisherigen ETHOS-Typologie wurde erstmals auch die europaweit vergleichbare ETHOS-Light-Typologie zum Stichtag 1. Oktober abgefragt. Für die Stadt Salzburg gibt es damit sowohl die langjährige, regionale Datenreihe als auch eine neue europäische Vergleichsbasis.
Wer betroffen ist
Unter den 910 erfassten Personen sind 78 Prozent männlich und 22 Prozent weiblich. 41 Prozent haben die österreichische Staatsbürgerschaft, 30 Prozent eine Staatsbürgerschaft eines anderen EU-Staates und 29 Prozent stammen aus Drittstaaten. Beinahe drei Viertel verfügen über einen dauerhaften Aufenthaltstitel. Das Alter verteilt sich breit über alle Altersstufen: Rund ein Viertel ist unter 30, knapp die Hälfte zwischen 30 und 49, etwa ein Viertel über 50 Jahre alt.
Bei den genannten Auslösern stehen finanzielle Gründe an erster Stelle, gefolgt von Migration, familiären Belastungen sowie Gesundheit und Sucht. Auffallend ist die Dauer der Wohnungslosigkeit: 48 Prozent der erfassten Personen sind weniger als ein Jahr, 36 Prozent länger als zwei Jahre wohnungslos. Die Daten weisen damit auf zwei klar getrennte Untergruppen hin: eine Gruppe an Personen in akuter Krise, die mit raschen Interventionen stabilisiert werden kann, und eine Gruppe in verfestigter Langzeitobdach- und -wohnungslosigkeit, die andere Strategien erfordert.
„Mit der ETHOS-Light-Klassifikation lassen sich die Salzburger Daten direkt mit Erhebungen aus 34 weiteren europäischen Städten in Beziehung setzen. Bemerkenswert war die Salzburger Konstellation: Eine seit 1995 etablierte Erhebungstradition trifft auf einen neu eingeführten europäischen Standard. Beides konnte in einem abgestimmten Erhebungsprozess integriert werden, ohne die Kontinuität der bestehenden Datenreihe zu beeinträchtigen“, sagt Philipp Schnell von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Streetwork am 1. Oktober: 107 Menschen zusätzlich erreicht
Ein Schwerpunkt der diesjährigen Erhebung lag auf Personen, die im öffentlichen Raum übernachten. Die Streetwork-Teams von Caritas (MoSES) und VinziDach koordinierten am 1. Oktober ihre Routen so, dass wichtige Aufenthaltsorte im gesamten Stadtgebiet zwischen 7 und 22 Uhr aufsuchend abgedeckt werden konnten. Räumliche Schwerpunkte waren Elisabeth-Vorstadt, Andräviertel, Schallmoos, Altstadt und Riedenburg. Ergebnis: 107 zusätzliche Personen, die in keiner anderen Beratungs- oder Versorgungsstruktur aufschienen, konnten erfasst werden. Allein in der ETHOS-Light-Kategorie 1 (Schlafen im öffentlichen Raum) brachte der Outreach-Tag 51 zusätzliche Datensätze.
Dass etwa ein Viertel aller in ETHOS Light 1 erfassten Personen ausschließlich über aufsuchende Arbeit erreichbar war, deutet auf eine konkrete Versorgungslücke hin, die neben dem bestehenden Angebot aus Notschlafstellen, Übergangswohnungen und niederschwelligen Beratungsstellen weiterhin besteht.
„Kontinuierlichen Bemühungen zum Trotz müssen wir weiterhin von einer Dunkelziffer im Bereich Wohnungsnot ausgehen. Wir sehen nur die Spitze des Eisbergs. Um Obdachlosigkeit bis 2030 zu beenden, brauchen wir leistbaren Wohnraum, eine Stärkung bestehender Angebote und neue innovative Initiativen. Wir haben die grundlegenden Zahlen – jetzt müssen die Ergebnisse in die Praxis“, betont Peter Linhuber vom Forum Wohnungslosenhilfe Salzburg.
Wo die Erhebung an Grenzen stößt
Trotz des breiten Netzwerks an beteiligten Einrichtungen bleiben einzelne Gruppen schwer erreichbar. Der Frauenanteil von 22 Prozent ist vermutlich unterschätzt: Die Caritas Notschlafstelle Haus Elisabeth, ein zentraler Anlaufpunkt für wohnungslose Frauen, öffnet jährlich erst ab Mitte November und konnte am Stichtag 1. Oktober daher nicht miteinbezogen werden. Minderjährige durften aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht eigenständig erfasst werden, sondern ausschließlich als mitziehende Minderjährige. Außerhalb des städtischen Erfassungsbereichs liegen Personengruppen, die unter Bundes- oder Landeszuständigkeit fallen, wie etwa Jugendliche in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe oder Personen in spezifischen Übergangslagen.
Methodik: 40 Organisationen, 65 Fachpersonen, ein gemeinsamer Standard
Erhoben wurde von 1. bis 31. Oktober 2025. Beteiligt waren 40 von 59 in der Stadt Salzburg tätigen Einrichtungen mit rund 65 Fachpersonen als Erhebungspersonal. Erfasst wurden Daten aus Notschlafstellen, Übergangs- und Krisenwohneinrichtungen, Streetwork-Angeboten, sozialen Beratungsstellen, dem städtischen Wohnservice und Sozialamt, dem Universitätsklinikum Salzburg sowie der Universitätsklinik für Psychiatrie. Auf Bundeslandebene wurden insgesamt 1.447 Fragebögen ausgefüllt; daraus wurden nach Bereinigung um Duplikate und unvollständige Datensätze 910 gültige Datensätze für die Stadt Salzburg in die europäische Auswertung übernommen.
Die Datenerfassung, -bereinigung und -anonymisierung wurde vom Forum Wohnungslosenhilfe Salzburg durchgeführt. Die statistische Auswertung erfolgte am Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW. Damit liefert die Erhebung sowohl regionale Erkenntnisse für Stadt und Land Salzburg nach der bewährten ETHOS-Typologie als auch europaweit vergleichbare Daten nach ETHOS Light. Das EU-Forschungsvorhaben wird von der KU Leuven auf europäischer Ebene koordiniert und wurde in den Städten Salzburg und Innsbruck vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW wissenschaftlich begleitet.
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